Unterlassene Hilfeleistung

Junger Mann in Hemd fasst sich ans Kinn, zieht die Augenbraue hoch und schmunzelt

Sind sie auch Kaffeetrinker?
Suchen Sie auch den nächsten Koffeinkick?
Kommen sie auch erst dann in Fahrt, wenn der dritte Espresso gerade durchläuft?

Klingt albern? Ist es auch. Und genauso verhalten sich viele Arbeitgeber gegenüber ihren Bewerbern. Wie häufig werden da Fragen gestellt, ob ein Bewerber gerade nach einer neuen Herausforderung suche. Ob ein Schüler nach Abschluss der Schule gerne die eigene Zukunft in die Hand nehmen möchte? Ob Studenten den Sprung von der Theorie in die Praxis wagen wollen.

These: Bewerbern kommunikativ mit Fragen zu begegnen, ist unterlassene Hilfeleistung.

Was sollen Schulabgänger antworten? „Nein ich habe die Schule beendet und wollte mich erstmal ein Jahr lang auf die faule Haut legen.“
Was sollen Studenten auf diese Frage hin denken? „Praxis wird total überbewertet. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ausreichend. Und überhaupt muss ich mich nach den Studienstrapazen erst einmal selbst finden.“

Diese Fragen sind nicht nur völlig abstrus. Denn bei positiver Beantwortung kann man sich die Frage getrost sparen und bei negativer Rückmeldung wäre der Bewerber ohnehin uninteressant. Nein, ich halte es für unverantwortlich. Auf diese Art weisen Unternehmen die Verantwortung für vernünftige Aussagen von sich und spielen den kommunikativen Ball dem Bewerber zu. Ob es an Zeitmangel, Ermangelung textlicher Finesse oder schlicht an einer guten Portion „haben wir schon immer so gemacht“ liegt, es bleibt profil- und verantwortungslos. Das finde ich nicht nur albern, sondern grob fahrlässig.

Wonach schauen wir Menschen? Wir folgen doch nicht denjenigen, die uns mit Fragen malträtieren, sondern wir blicken zu denen auf, die uns inspirieren und uns eine neue Perspektive aufzeigen. Und so sind es meines Erachtens auch die Unternehmen, die schon durch die kommunikative Ansprache meinen Horizont ein Stück erweitern und auf zentrale Bedürfnisse eine gute Antwort parat haben. Apropos, wenn das Unternehmen die Antwort parat hat, darf also der Bewerber Fragen stellen?! Merken sie etwas?

Vorschlag: Stellen Sie sich selbst die Fragen und lassen den Bewerber im Dialog daran teilhaben.

Viel hilfreicher wäre es doch, wenn wir beispielsweise in einer Stellenausschreibung oder auf einer Webseite die Fragen notieren, die uns als Unternehmen selbst beschäftigen. Damit demonstrieren wir nicht nur, wo wir gedanklich hinwollen, wobei uns Bewerber und Bewerberinnen unterstützen können, sondern wir zeigen uns auch noch von einer persönlichen Seite, indem wir klar stellen, dass es noch ungelöste Fragestellungen gibt. Denn ganz ehrlich, perfekte Arbeitgeber, wie wir sie aus der Imagekommunikation kennen, gibt es nicht. Und das wissen alle Bewerber.

Im nächsten Schritt wäre es zielführend, die Bewerber zum Dialog aufzufordern und mit ihnen gemeinsam diese Fragen zu erörtern. Stichwort Assessment Center (in Form eines Zukunftsworkshops etwa) mit Casebearbeitung oder Planspielen und Konsorten. So verschwimmen Bewerbungs- und Einstellungsprozess und klären die Frage, ob man gemeinsam in dieselbe Richtung schaut und in der Lage ist, gemeinschaftlich Probleme zu lösen. Unter starkem Einbezug der Fachabteilung natürlich, die mit diesen neuen Mitarbeitern künftig diesen Fragestellung nachgehen wird.

Also: Hört endlich auf, Bewerbern inhaltsleere und rhetorisch unsinnige Fragen zu stellen. Fragt euch selbst, was ihr wollt, lasst Bewerber daran teilhaben und fordert sie zum Dialog über gemeinsame Ideen und Lösungen auf. So entsteht Nähe und Passung. Und so helfen wir einander weiter.

Oder wie sehen Sie das?

Keine Scheu vorm Schreiben

Zerknülltes Papier auf Holzfußboden als Bild für einen missglückten Schreibversuch

Eine Stellenanzeige,  knackige Erläuterungstexte auf den  Unternehmensprofilen in Business Netzwerken, animierende Blogbeiträge, leichtfüßige Fachartikel – es gibt reichlich Gelegenheiten, in denen Personaler auch noch zum Texter werden sollen. Sicher ist das nicht leicht, doch es muss auch nicht so schwer sein, wie uns  die Weiter-/Bildungswelt immer weismachen will.

These: Ansprechende Texte scheitern am Kopf.

So viel ist doch wohl klar: Es ist noch kein Texter vom Himmel gefallen. Viele sehr gute Texter der alten Schule haben für Ihren Job keine Ausbildung erhalten, sie haben sich selbst ausgebildet. Learning by doing. Und by passion (einmal wenigstens wollte auch ich diese Platitüde verwenden). Heutzutage haben sich Texterschulen etabliert, die einem das nötige Know-how beibringen. Wollen. Und sollen. Bei aller Technik aber bleibe ich davon überzeugt, dass es vor allem die Überzeugungstäter sind, die ein Faible für Sprache , Querdenken und Stil haben, die uns mit ihren Texten begeistern. Glücklicherweise stellt der HR-Bereich andere Anforderungen an Texte, als eine millionenschwere Markteinführungskampagne für ein neues Auto. Texte haben in unserem Bereich sehr viel mit Persönlichkeit zu tun. Ausdrucksstark, aber nicht geschliffen. Charakterfest, aber nicht verbissen. Werblich, ohne zum Angeber zu avancieren. Wer also etwas Talent und Lust mitbringt, der kann auch im HR Bereich textlich etwas bewegen. Weil es nicht darum geht, Creative-Awards abzuräumen, sondern eine persönliche Sprachebene mit Bewerbern zu finden.

Was uns das Leben so schwer macht, ist die Trennung zwischen Rechtschreiben und Schönschreiben. Bereits in der Schule haben wir gelernt, ein Auge auf den Satzbau zu werfen, Verben richtig zu konjugieren, bei den Personalpronomen aufzupassen. Grammatik, Syntax und Rechtschreibung gaben den Ton an, wo wir doch eigentlich ganz wohl klingende Ideen im Kopf hatten. Man hat uns beigebracht, dass das Schreiben vor allen Dingen eine formal korrekte Angelegenheit sein muss. Und genau davon sollten Sie sich lösen. Sie werben für Jobs, sie schreiben keinen wissenschaftlichen Beitrag.

Vorschlag: Erst Sprechen, dann schreiben.

Klar, dafür wird man mich vielleicht steinigen, aber ich persönlich halte es für ausgesprochen hilfreich, meine Gedanken zunächst in mein Smartphone zu sprechen. Natürlich sind diese Texte nicht in Reinform zu verwenden, aber sie enthalten die wichtigsten Gedanken, bereits einige schöne Formulierungen, wie wir sie im täglichen Sprachgebrauch anwenden, nutzen den Moment des Einfalls und liefern schlicht und ergreifend Masse. Das nimmt einem die Angst vor dem weißen Blatt Papier, auf dem in der Regel bereits der erste Satz zur schmerzhaften Kopfgeburt wird. Anschließend können Sie diese Texte auf Ihren PC schicken und sich detailliert zur Brust nehmen. Dann beginnt die eigentliche Arbeit des Schreibens.

Hilfestellung: Hürden im Kopf einreißen.

Zum sorgenfreieren Start in eine Textaufgabe hier ein paar Praxistipps aus meiner persönlichen Erfahrung:

Erzählen, nicht formulieren: Oft ist der erste, aufgesprochene Gedanke der Beste. Aber schauen Sie genau hin. Überlegen Sie, welche Formulierungen auch auf dem Monitor noch ansprechend klingen, und bewahren Sie sie.

Sprachliche Leichtigkeit, statt umgangssprachlicher Leichtfertigkeit: Manche Gedanken haben sich gut angehört, lesen sich aber sperrig. Überarbeiten Sie sie, verkürzen Sie lange Gedanken zu kurzen Einzelsätzen und streichen Sie allzu Flapsiges.

Weg mit sprachlichem Ballast: Ergänzen Sie, was inhaltlich fehlt, streichen Sie Redundanzen, Selbstverständlichkeiten und unnötige Füllsel.

Denken Sie synonym, analog und metaphorisch: Wird Ihnen beim Lesen Ihres Textes langweilig, übersetzen Sie einzelne Bausteine wie Worte, Wortgruppen oder Umschreibungen mithilfe von Analogien, Metaphern oder Synonymen.
Dazu einige Beispiele aus einem Workshop zum Thema „Stellenanzeigen texten“ (Danke an die netten Kollegen der Stadt Freiburg):

Worthülsen übersetzen:Tabellarische Übersicht über Verbesserungspotenziale beim Texten von Stellenausschreibungen

Langweilige Zwischenüberschriften ersetzen (aus den farblich hinterlegten Feldern haben sich Sprachstile herauskristallisiert, die die einzelnen Subheadlines in einen einheitlichen Sprachduktus bringen):
Tabellarische Übersicht über Verbesserungspotenziale beim Texten von Stellenausschreibungen

Sperrige Sätze wie „Mitarbeit bei der Bearbeitung von…“ Stück für Stück zerlegen:
Tabellarische Übersicht über Verbesserungspotenziale beim Texten von Stellenausschreibungen

Platitüden durch Persönlichkeit ersetzen:
Tabellarische Übersicht über Verbesserungspotenziale beim Texten von Stellenausschreibungen

Ein roter Faden macht aus vielen Sätzen ein Text: Überprüfen Sie Ihren Text auf eine stringente und logische Argumentation. Schließen die Sätze aneinander an, oder wirkt das Ganze wie ein Setzkasten voller Formulierungen

Schön schreiben, aber richtig: Und zuletzt werfen Sie Ihr Auge auf die Rechtschreibung.

Und für alle, die sich intern gegen verkopfte Bürokraten argumentativ zu Wehr setzen müssen, hier noch eine kleine Argumentationshilfe in Form von 13 Regeln für gute Texte. Diese Regeln sind vor vielen Jahren von einem sehr erfahrenen Creative Director und Copytexter (ehemals Ogilvy) für einen Textworkshop mit Recruitern entstanden. Ihr Einfluss auf meine Tätigkeit spiegelt sich insbesondere in den Regeln 8 und 12 wider 😉

Bild mit 13 Regeln für guten Text in der Personalwerbung

Wer nun Lust auf Texten, aber bitte mit professioneller Unterstützung hat, hier noch eine Auswahl an Texterschulen:

Bei all dem bleibt das wichtigste Hilfsmittel für mich die Sprache. Warum ich unterm Strich für das Aufsprechen anstelle des Aufschreibens plädiere? Weil wir beim berüchtigten leeren Blatt Papier den Kopf einschalten, um es zu füllen. Wir konstruieren, statt zu erzählen. Der große Vorteil in der Sprachaufnahme liegt darin, dass der Rezipient dem gesprochenen Wort deutlich näher ist, als dem geschriebenen Formalismus. In der Schnittmenge des gesprochenen und geschriebenen Wortes entsteht somit ein Text, der sich persönlich liest und uns eine Geschichte erzählt.

Oder wie sehen Sie das?