Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Ann-Marlene Henning

Ann-Marlene Henning im Gespräch mit Jan Willand zu Haltungsfragen, Employer Standing

Es geht immer um Beziehungen. Im Privatleben, im Arbeitsleben, im Wirtschaftsleben. Und selbst für das Leben nach dem Tod arbeiten die Menschen schon zu Lebzeiten an einer standhaften Beziehung, nämlich der zu Gott. Ob wir das Mantra des Wirtschaftswachstums in Form steigender Kurse, Gewinne und Gehälter beten oder einem höheren Sinn als Leuchtturm der persönlichen Entfaltung folgen – als soziale Wesen suchen wir die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter. Wir suchen partnerschaftliche Arbeitsbeziehungen, knüpfen private und berufliche Netzwerke, greifen zu Vitamin B und neigen mitunter sogar zur Vetternwirtschaft. Und natürlich geht es immer auch um den persönlichen Nutzen, den ich aus einer Beziehung ziehe. Wo sind dabei eigentlich die Grenzen zwischen Nehmen und Geben, zwischen Selbstbewusstsein und Selbstaufgabe? Was bedeutet Haltung in diesem Kontext?

Ich denke, man kann das Verhältnis zwischen Arbeitskraftgebern und Arbeitskraftnehmern sehr gut in der Metapher der partnerschaftlichen Beziehung erkunden und ausgestalten. Das Personalmarketing sorgt für die Kontaktanbahnung, es flirtet mit den Kandidaten und verströmt verlockende mediale Pheromone. Mit dem Ziel möglichst viele gute One Night Stands hinzubekommen. Das Recruiting macht Nägel mit Köpfen, wird  konkret: Man kommt sich näher, eine längere Beziehung ist durchaus eine Überlegung wert. Ein nachhaltiges Employer Branding ist dann die alle Stufen des gemeinsamen Arbeitens umfassende Beziehungspflege, die eine möglichst lange Bindung beider Partner aneinander zum Ziel hat. Mit anderen Worten: Es geht immer um Beziehungen. Um Partnerschaft. Um Gemeinsamkeit. Um Sex.

Employer Branding ist eine alle Stufen des gemeinsamen Arbeitens umfassende Beziehungspflege, die eine möglichst lange Bindung beider Partner aneinander zum Ziel hat. Mit anderen Worten: Es geht immer um Beziehungen. Um Partnerschaft. Um Gemeinsamkeit. Um Sex.
Jan Willand im Juli 2021

Sexualität ist vermutlich die intimste Form der zwischenmenschlichen Beziehung. Über Sexualität zu sprechen bedeutet unweigerlich, über Haltung zu sprechen. Und weil man das alleine schlecht kann, wollte ich wahnsinnig gerne Ann-Marlene Henning zu meinen Gedankengängen einladen. Das erste Mal entdeckt habe ich die Sexologin und Bestsellerautorin mit ihrer Fernsehserie „Make love“, die ab 2014 auf mehreren Sendern ausgestrahlt wurde und für die die sympathische Dänin 2017 mit dem deutschen Fernsehpreis nominiert wurde. Das ZDF schreibt auf seiner Website: „In der Doku-Reihe diskutiert Therapeutin und Sexologin Ann-Marlene Henning mit Paaren deren Sexleben und gibt Hilfestellung – immer mit einer Prise Humor.“ Und untertreibt damit. Mit ihrer offenen, warmen und lebhaften Art erinnert die studierte Psychologin und Sexologin unweigerlich daran, dass die Dänen offenbar zu Recht regelmäßig als eines der glücklichsten Völkchen dieser Erde umschwärmt werden. Sie nennt Dinge beim Namen, schmunzelt, lacht, reflektiert – was für eine wunderbare Gesprächspartnerin würde sie sein.

Nur wenige Tage nach meiner Anfrage bekam ich eine Antwort, und keine zwei Wochen später fand ich mich in ihrer gemütlichen Praxis in Eppendorf ein. Ich schreibe ja bekanntlich dem Moment eine hohe Bedeutung zu, lasse Dinge auf mich zukommen, situativ entstehen. Dennoch hatte ich mich während der Zugfahrt ein wenig vorbereitet. „Bringt das was, das Vorbereiten?“, lacht Ann-Marlene zu Beginn unseres Gesprächs. Ich glaube, was uns sofort verband, war der Glaube daran, das Gutes im Moment und aus sich selbst heraus entsteht. Und so nahm das geplante 30minütige Gespräch seinen 60 Minuten andauernden Lauf. Und brachte eine ganze Reihe Aha-Momente für mich mit. Zum Beispiel diese:

Wenn es um Beziehungen geht, dann kann Haltung nur im Kontext des Miteinanders sichtbar werden. Wenn wir miteinander umgehen und in Gemeinschaft wirken wollen, dann geht es auch immer um das Erkunden, Erkennen und Gewähren. Kurz: Bewusstseinsbildung. Ann-Marlene erinnert sich: „Wenn ich überlege, wie ich zu Haltungen komme, dann war es immer in Begegnungen. Ich kam nach Deutschland und merkte erst hier, mit einundzwanzig Jahren: Du kannst eine Haltung haben. Die hatte ich auch schon vorher, aber ich begann erst hier, mir über essentielle Dinge Gedanken zu machen. Darauf bin ich immer dann gekommen, wenn ich Menschen sah, die etwas taten, etwas furchtbar fanden oder ganz toll. Und dann konnte ich überlegen: Wie finde ich es eigentlich?“

Man muss sich also erkunden, seine innere Einstellung kennen zu den Dingen, die uns umgeben, die um uns herum passieren. Das heißt:

Bevor man Haltung einnehmen kann, muss man Selbstbewusstsein entwickeln. „Ein Gefühl für sich selbst ist so wichtig“, betont die Paartherapeutin. Ein Gefühl. Klingt sehr emotional, dabei ist Haltung zeigen doch ein ziemlich bewusster und somit kognitiver Vorgang. Was ist also wichtiger, Emotio oder Ratio? „Beides ist wichtig für Haltung. Aber sie passen nicht immer zusammen. Dabei helfen Differenzierungskonzepte wie die von David Schnarch. Es geht darum, sich selbst und die andere Person getrennt voneinander wahrzunehmen, also nicht immer symbiotisch. Er nennt es den First Point of Balance.“

Der mittlerweile verstorbene amerikanische Urologe, Paar- sowie Sexualtherapeut und Autor nennt insgesamt vier dieser Punkte, die unser Verhalten in eine Balance bringen und uns zu uns selbst führen. Aufgeschrieben hat er sie in seinem Buch Intimität und Verlangen. Schnarch erforschte unter anderem das verbreitete Phänomen, dass in Paarbeziehungen oftmals im Laufe der Zeit das sexuelle Verlangen nachlässt. In den 1980er Jahren stellte er die These auf, „dass der von Bowen eingeführte Begriff der Differenzierung des Selbst der eigentliche Ansatzpunkt sei, die Probleme mit Intimität und sexuellem Verlangen zu lösen.“ (Quelle: Wikipedia)

Ann-Marlene erläutert seine 4 Points of Balance:

  1. „Bewusstsein darüber, wer man wirklich ist. Und die eigenen Ansichten und Haltungen aufrechterhalten können, gerade auch einer geliebten Person gegenüber.“
  2. „In einem maßvollen Ton Dinge sagen. Nicht reaktiv sein.“
  3. „Sich selbst beruhigen und trösten können. Nicht immer auf die andere Person projizieren, sie müsse dafür sorgen, dass es einem besser geht.“
  4. „Sinnvolles Durchhalten, d.h. ich halte durch, wenn es sinnvoll erscheint durchzuhalten. Und wenn ich sehe, dass es keinen Sinn macht, dann muss ich handeln. Und das kann eine Trennung oder Verabschiedung sein.“

Wie wichtig diese innere Balance ist, wird mir deutlich, als Ann-Marlene wenig später anfügt: „Bei Haltung halte ich etwas. Und wenn ich etwas halte, muss ich es auch halten können – wollen.“

Bei Haltung halte ich etwas. Und wenn ich etwas halte, muss ich es auch halten können – wollen.
Ann-Marlene Henning im Juli 2021

Wenn wir uns selbst nicht kennen und diese Balance nicht herstellen können, führt das unweigerlich zu Problemen. Denn „wenn zwei Personen zu Hause rumlaufen und etwas zurückhalten, Dinge nicht sagen aus Sorgen oder aus Ängsten, dann gibt es keinen Gegenüber mehr. Dann zeigst du keine Haltung, dann kann die andere Person nicht wissen, was du hältst von irgendetwas. Und dann bist du nicht mehr in Kontakt, weil die andere Person dich nicht sehen darf.“

Verstehe – wenn das so ist:

Wieviel Zurückhaltung verträgt Haltung eigentlich? In einer Partnerschaft befinden wir uns in einem steten Abwägen des eigenen Wollens und Gewährens. Auch im Job. Was fordere ich ein? Was gestehe ich dem anderen zu? Eine sehr emotionale Angelegenheit, die es uns mitunter so schwer macht, unserer Haltung wirklich und wirksam Ausdruck zu verleihen. Umso mehr, wenn sich persönliche und berufliche Beziehungen vermengen. Oftmals halten wir uns zurück, um nicht zu verletzen oder verletzt zu werden. Oder um unseren erlangten Status Quo zu schützen. Wieviel dieser Zurückhaltung ist eigentlich gut? „Das ist super spannend“, sagt Ann-Marlene, „Ich kann ja sagen: Ich habe zwar meine Haltung, ich sag es aber keinem. Ich bleibe einfach für mich. Die Frage ist nur: Wann komme ich raus? Nämlich dann, wenn es mich persönlich betrifft.“

Das klingt einleuchtend. Was aber, wenn ich mich zu lange zurückhalte, der Frust wächst und sich meine Haltung spät und impulsiv Bahn bricht? Wird sie dann kontraproduktiv, vielleicht sogar destruktiv? „Nein“, meint Ann-Marlene Henning, „das glaube ich nicht. Das ist der zweite Point of Balance: Das, wofür du stehst, in einem bestimmten (ordentlichen und beherrschten) Ton zu sagen. Ob es also kontraproduktiv ist oder nicht, hängt davon ab, wie differenziert du bist. Schnarch würde gesagt haben: Wenn du auf einem hohen Differenzierungsniveau bist, kennst du dich und weißt um deine Schwäche. Und hast sie in den meisten Situationen im Griff.

Sich im Griff haben. Seine Emotionen kennen, seine Möglichkeiten und Grenzen ausloten, angemessen agieren und reagieren. Haltung bewahren ist ganz schön vielschichtig. Und sie wird umso herausfordernder, je näher wir uns kommen. Wenn die persönliche Distanz zweier Menschen, die mentale und körperliche Nähe zunimmt, erfordert das dann auch ein Mehr an Haltung?

Wie ist meine sexuelle Identität und kann ich zu ihr stehen? Erst, wenn ich das weiß, erst dann beginne ich, etwas zu wollen – und auch zu wissen, was ich nicht möchte. Sonst passt man doch nur auf, dass man nicht auffällt.
Ann-Marlene Henning im Juli 2021

„Es braucht ein entspanntes, ein abgesichertes sexuelles Ich“, sagt Ann-Marlene. „Wie ist meine sexuelle Identität und kann ich zu ihr stehen? Erst, wenn ich das weiß, erst dann beginne ich, etwas zu wollen – und auch zu wissen, was ich nicht möchte. Sonst passt man doch nur auf, dass man nicht auffällt.“

Identität als Dreh- und Angelpunkt eines ehrlichen Miteinanders – mit mir und mit meiner Umwelt. Man kann also sagen:

Gutes Employer Branding ist wie guter Sex: identitätsbasiert. Doch Vorsicht! Unternehmen geben sich zunehmend menschlich. Gerade in ihrer Funktion als Arbeitgeber möchten sie Persönlichkeit zeigen, positiv auffallen, mit einer Haltung, die sagt: Hier bin ich, und ich bin großartig. Damit unterliegen sie möglicherweise einem Irrtum.

Man betreibt Corporate Branding, oder gar Personal Branding, wie man in der heutigen Geschäftswelt vermehrt beobachten kann. Doch das hat einen gewaltigen Haken: Man richtet die eigene Haltung an der Erwartungshaltung anderer aus. Wie bei einem One Night Stand: „Da ist man wo anders, da will man eher alles richtig machen. Sich selbst weniger zeigen, nur das, was die andere Person sehen darf oder soll. Das ist weniger die Haltung hier bin ich, sondern oft die innere Einstellung, bloß nicht auffallen, sondern das machen, was die andere Person mag. Dies lernen sehr viele Frauen in ihrer Sozialisierung und auch viele der sogenannten emotionaleren neuen Männer. Die sind oft Anfang Dreißig bis Mitte Vierzig. Und die haben gelernt, Frauen gefallen zu sollen.“

Wir verschleiern also unsere innere Haltung und demonstrieren nach außen eine andere, um Konflikte zu vermeiden. „Was ist, wenn ich wirklich Haltung zeige und sage: So bin ich!? Dann kannst du ausgelacht werden, abgelehnt werden, es wird nichts draus, es kommen unangenehme Gespräche auf …“

Wie gut sind wir eigentlich darin, unsere eigentliche Haltung zu verschleiern, frage ich Ann-Marlene.

„Wir sind super gut darin, unsere Haltung zu verschleiern. Und haben überhaupt keine Skills darin, sie zu zeigen. Weil du dafür immer geköpft werden kannst.“ Laufen wir damit Gefahr, in eine von zwei beliebten Schubladen gesteckt zu werden? Wer sich zurücknimmt, ist ein profilloser Ja-Sager, wer Haltung demonstriert, ein unerträglicher Egozentriker? Wie schmal ist der Grat zwischen Zugeständnis und Egozentrik? „Der ist gar nicht schmal, sondern bewegt sich auf einem breiten Kontinuum“, so Ann-Marlene. „Im körperfokussierten Therapiezugang zeigen wir einerseits auf, dass es so etwas wie Egozentrierung gibt, das heißt mehr oder weniger nur an sich selbst denken, auch auf Kosten anderer. Und dann gibt es auf der anderen Seite die Heterozentrierung, bei der man so gar nicht an sich selbst denkt, sondern nur andere Personen zufriedenstellen möchte. Beides macht Probleme, wenn es ausschließlich geschieht. Wenn wir uns aber auf einem Kontinuum zwischen den beiden Extremen bewegen, entstehen positive Spannungen. Wir sind dann bei uns und können uns auch fallen- und halten lassen. Dies nennen wir autozentriert sein: Ich bin bei mir. Aber nicht auf Kosten anderer.“

Wenn ich mir anschaue, mit welcher Inbrunst Marketing- und Personalmarketingverantwortliche die Customer Centricity propagieren, komme ich ins Grübeln. Wir bemühen uns intensiv um Big Data bzgl. der avisierten Zielgruppen mit der gut gemeinten Absicht, Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen, schlicht nahezu alles für den Kunden zu tun. Das ist die Krönung des Leitsatzes Der Kunde ist König. Und das Gegenteil von einem Branding als Ausdruck einer Identität, einer Haltung. Dieses übersteigerte Marketingverständnis hat wenig mit Autozentrierung, mit dem ausbalancierten Ausdruck der inneren Haltung zu tun. Es ist ein unreifes, unreflektiertes Gehopse zwischen Egozentrik (wir sind großartig, schau nur hin) und Heterozentrik (wir kümmern uns um alles, was du glaubst zu wollen).

Ein übersteigertes Marketingverständnis hat wenig mit einem ausbalancierten Ausdruck der inneren Haltung zu tun. Es ist ein unreifes, unreflektiertes Gehopse zwischen Egozentrik (wir sind großartig, schau nur hin) und Heterozentrik (wir kümmern uns um alles, was du glaubst zu wollen).
Jan Willand im Juli 2021

Da fällt mir auf: Auch eine Unterhaltung demonstriert Haltung. Während unseres Gesprächs sitzen wir beide auf dem Fußboden ihrer Praxis in Eppendorf. Ich erfahre, dass Ann-Marlene mit Buchhaltung und Jura ins Arbeitsleben gestartet ist, als Model gearbeitet hat, und heute zwischenmenschliche Beziehungen und die Gespräche darüber begleitet. Gespräche, in denen es um Haltung geht. So entspannt mit ihr und bei ihr sitzen zu dürfen, fühlte sich unheimlich gut an. Es gab die Möglichkeit, einmal innezuhalten und in sich hinein zu hören. Innehalten – eine weitere wichtige Facette von Haltung in unserer Beziehungswelt. Und so habe ich sie neben zwei weiteren einfach in den Raum gestellt: 

Wie wichtig ist Innehalten? „Wenn du innehältst kannst du erst spüren, wo du bist, was du meinst und was du willst. Umgekehrt bist du ja am Rennen, im Stressmodus: angespannter Kiefer, angespannter Beckenboden, du sollst eigentlich angreifen oder abhauen. Dann kommt manchmal die Polyvagal-Theorie von Porches* zum Tragen: Wenn du nicht angreifst oder wegläufst, dein Problem aber weiter besteht, übernimmt in dieser Not ein uralter Teil deines parasympathischen Systems und stellt dich ruhig. Das bedeutet, dass deine Fähigkeit, in sozialen Kontakt zu gehen, eingeschränkt ist. Du hörst nicht die gleichen Dinge, du nimmst weniger wahr. Dein System stellt Dich auf Ich kann gerade nichts aufnehmen. Und so rennen tatsächlich viele von uns durch die Welt. Das ist ein Rennen und ein Nicht-Spüren.“
(*Eine kurze anschauliche Erläuterung dieser Theorie zum Umgang unseres Nervensystems mit Ent- und Anspannung findet ihr hier: https://xn--hrv-herzratenvariabilitt-dcc.de/2019/03/eine-kurze-einfuehrung-in-die-polyvagal-theorie/)

Welche Rolle spielt Aushalten? „Es ist ganz, ganz wichtig, dass ich merke, ich kann jetzt etwas aushalten. Ich selber habe zum Beispiel eine hohe Resilienz. Aber ich muss den Punkt erkennen, an dem es keinen Sinn mehr macht auszuhalten. Denn dann muss ich handeln. Haltung zeigen, indem man aufhört auszuhalten, ist definitiv bei vielen Menschen heute ein Thema. Man sollte nie zu viel aushalten, nur weil man könnte. Hier habe ich etwas in meinem Leben geändert. Persönlich möchte ich Dinge nicht mehr lange aushalten – und deshalb ändere ich sie bewusst.“

Haltung beginnt und endet bei uns selbst, bei Selbstreflexion und bewusstem Verhalten. Womit wir wieder bei der Differenzierung wären: Wo stehe ich, wo mein Gegenüber. Und auch hier ist Achtsamkeit geraten, denn wenn ich meinen Gegenüber wahrnehme, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ich auf ihn zugehen muss. Wie oft orientieren wir uns als Individuen wie auch als Marken an den vermeintlichen Idealen unserer Gegenüber? Wie oft ertappen wir uns dabei, mitzuhalten?

Die Arbeitswelt strebt noch immer nach dem Ideal: höher, weiter, schneller. Was macht das Mithalten mit uns? „Da kommt sofort eine Traurigkeit bei mir auf, weil die Leute sich ein ewiges Wettrennen liefern, nur um mitzuhalten. Du willst mithalten bei Dingen, bei denen du gar nicht mithalten kannst. Allein die Körperkultur – wie viele von uns sind Models oder sehen so aus? Zehn Prozent vielleicht. Es ist das Schönheitsideal. Und da versuchen alle anderen bei einem Ideal mitzuhalten, das quasi unerreichbar ist. Es gibt also ein Dauerbedürfnis zu bedienen!“

Dieses Mithalten konnten wir zuletzt wieder eindringlich bei Germanys Next Topmodel mitverfolgen. Interessant dabei: Das Schönheitsideal wurde ganz bewusst – und politisch korrekt – erweitert und sollte nun auch Curvy Models und Transfrauen miteinschließen. Haltung nach Drehbuch? „Nein“, erwidert Ann-Marlene, die das Medienspektakel aus einer professionellen Warte beobachtet hat. „Das hat funktioniert, weil die Transfrau, die in der Show dieses Jahr gewonnen hat, schlicht und ergreifend Haltung hatte. Diese Person war einfach bei sich. Sie hat nicht über ihr Trans-Sein gesprochen, sondern legte durchgehend die Haltung an den Tag: Ich bin ich und wir müssen nicht besprechen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Ich bin hier, weil ich eine Frau bin. Können wir jetzt weitermachen?

Und zum Finale sagt Ann-Marlene: „Ich war 35 Jahre Model und dachte: Jetzt bin ich gespannt, wahrscheinlich gewinnt dann doch noch das dritte Mädchen in der Runde, nämlich das „normale“ Model. Wahrscheinlich waren Curvy-Model und Transfrau doch nur „Alibi-Teilnehmerinnen“ … Aber nein, tatsächlich gewann das Model, welches am besten „performt“ hatte: die Transfrau.

Bei sich sein. Balance finden. Haltung bewahren. Danke Ann-Marlene Henning für eine Stunde Wohlfühlen, Erkunden, Differenzieren. Und für die Erkenntnis: Es geht immer um Beziehungen – beim Employer Branding und beim Sex.

Das ganze Gespräch, ungeschnitten, unzensiert, nur kurz anmoderiert bei Mausklick:

 

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