Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Wolfgang Grupp

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer Standing

Ein Mann, ein Wort. Das ist vielleicht die kürzeste Formel, auf die man den Erfolg Trigemas und die Anziehungskraft des Mannes zusammenfassen kann, der dieses Unternehmen seit 51 Jahren leitet. Doch wie heißt es so schön: So einfach, wie es oftmals klingt, ist es meistens nicht. Was da immer so schön pointiert und einfach klingt, sind Dinge wie „Produktionsstandort Deutschland“, „Ausbildungsgarantie“, „Arbeitsplatzsicherheit“. Genau deshalb war es auch ein Herzenswunsch, diesen Menschen kennenzulernen und mir anzuhören, was er zum Thema Haltung zu sagen hat. ‚Eine ganze Menge sicher‘, dachte ich, als ich nach Burladingen aufbrach.

Wolfgang Grupp, in meiner Wahrnehmung einer der letzten großen Unternehmensväter der Republik, hätte es gleich vorwegnehmen können. Pointiert und einfach: „Wenn Sie hierher kommen, dann haben Sie von mir eine gewisse Vorstellung. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie anschließend hier weggehen und sagen ‚Der ist ja ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe.‘“. Recht hat er.

Bei meiner Ankunft begrüßt mich das seit Jahrzehnten und eher durch einen Zufall in Festanstellung übernommene Maskottchen, das ursprünglich für eine andere Marke konzipiert, aber nicht verwendet wurde. Dabei fällt mir auf, dass hier Welten aufeinander treffen: eine grundehrliche Bodenständigkeit, die ein höfliches Auftreten selbstverständlich mit sich bringt: „Nehmen SIE bitte den Telefonhörer ab.“ Gepaart mit der kommunikationsaffineren Leichtigkeit der Umgangssprache: „Hallo Fans“ Irgendwie…putzig.

Anschließend werde ich in die Büroetage begleitet, wo ich durch ein Großraumbüro über zwei Stufen hinauf in ein zweites schreite, in dem unter anderem Herr Grupp an einem ausladenden Schreibtisch sitzt und gerade dabei ist, ein Telefonat zu beenden. Keine schmalen Gänge, verschlossenen Türen, hochflorige Teppiche. Einfach nur offene Fläche. Viele Schreibtische. Und ein noch größerer Schreibtisch. Und dann die freundliche Begrüßung. Vollkommen unprätentiös. Ob nun Anne Will mit einem Interviewtross vom ARD einmarschiert oder Jan Willand aus Hagen am Teutoburger Wald vor den Tisch tritt, macht offenbar keinerlei Unterschied.

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer StandingWolfgang Grupp gibt sich nahbar, offenherzig, aufgeschlossen, zuvorkommend – und mit eigener Agenda. Ein Mann, der nichts verbirgt, der Meinung hat und Meinung äußert, weiß, worüber er sprechen möchte. Noch bevor ich meinen kleinen Fragenspicker ins Auge fassen kann, nimmt mich Herr Grupp mit in seine Welt. „Wenn Sie wissen, dass Sie mit allem, was Sie tun, alleine sind, und wenn Sie wissen, dass Sie mit Ihrem Privatvermögen haften, dann sind Ihre Entscheidungen überlegter und verantwortungsvoller. Und nicht der Gier und dem Größenwahn ausgesetzt.“ So einfach lässt sich der Unterschied zwischen managergeführten und inhabergeführten Unternehmen auf den Punkt bringen. Der Produktionsstandort Deutschland, die Arbeitsplatzgarantie für den Nachwuchs seiner Mitarbeiter sowie verbindliche Zusagen zur Arbeitsplatzsicherheit auch in der Krise finden natürlich ebenfalls ihren Weg in unser Gespräch. Wer Jahrzehnte lang den öffentlichen Auftritt pflegt, weiß sich zu artikulieren und andere für seine Themen einzunehmen. Aus einem Grund, den Schwester Peregrina, unsere Gemeindereferentin, im letzten Gespräch zu Haltungsfragen so schön auf den Punkt gebracht hat: „Floskeln sind wie Ohrfeigen. Sie tun weh. Sie helfen nicht. Und sie gehen vorbei.“ Was Wolfgang Grupp sagt, ist so weit von einer Floskel entfernt, wie börsenkursorientierte Entscheidungen von Mitarbeiterzufriedenheit. Diese wohltuende Verbindlichkeit ist das Elixier, das den Unternehmer Grupp von so vielen angestellten Managern in unserer Wirtschaftswelt unterscheidet. Er unternimmt etwas und managt nicht. Was das bedeutet, erfahre ich gewohnt pointiert auf die Frage nach seinem wichtigsten Prinzip der vergangenen 51 Unternehmerjahre:

Mein wichtigstes Prinzip ist schon immer: Verantwortung übernehmen. Und vor allem meine Mitarbeiter top zu behandeln.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

 

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer Standing

Dabei gibt sich Wolfgang Grupp nicht romantischer Schönfärberei hin. Wer mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirtschaftswelt steht, weiß worum es am Ende des Tages geht: „Ich bin kein Sozialsäusler, ich bin Kapitalist. Ich will Geld verdienen und mir soll es gut gehen. Je besser ich meine Mitarbeiter behandle, desto mehr leisten sie. So einfach ist das, da verstehe ich unsere Welt heute nicht mehr.“ Selbst die kapitalmarktgetriebenen Managertypen, die im Namen großer Marken Entscheidungen treffen, würden hier verständig nicken. Und dann wieder ihre Umsatzziele der kommenden drei Jahre ins Auge fassen. Der Zeitraum also, der den meisten bleibt, bevor Sie ihre Boni einstreichen und weiterziehen, um mit der Substanz der nächsten Marke zu spekulieren.

Diese Substanz, das ist unumstößliche Handlungsmaxime für Herrn Grupp, sind seine Mitarbeitenden. Es reicht ihm nicht, Verantwortungsübernahme zu besprechen, er lebt sie vor. „Dass ich eine Haltung übernehme und eine Verantwortung habe, das wissen die Leute. Diese Vorbildfunktion ist von zentraler Bedeutung. Denn sie wissen auch, dass ich diese Verantwortung auch von ihnen in ihrem jeweiligen Bereich erwarte.“ Ein Geben und Nehmen also. Es sind diese konsequent befolgten Prinzipien, die seine Handlungen und Entscheidungen zu einem roten Faden spinnen, den Mitarbeitende vermutlich als transparent und nachvollziehbar beschreiben würden. Die perfekte Symbiose aus Mitarbeiterorientierung und Kapitalismus? Kurz gesagt:

Ich kann nicht optimale Gewinne machen auf Kosten einzelner Leute. Ich muss aufpassen, dass alle von einem positiven Umfeld partizipieren.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

 

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer Standing

So einfach ist das also? In Wolfgang Grupps Welt schon. Warum auch nicht, der Erfolg gibt ihm Recht. Aus meinem Gespräch mit dem Drehbuchautor und Storyteller Markus Gull ist mir das für ihn einzig denkbare Führungsmodell in Erinnerung geblieben: das der konzentrischen Kreise. Ein Modell, in dem es immer auf den Einen ankommt. Den einen Stein des Anstoßes. Den Vordenker. Den Macher. Das Vorbild, das inspiriert und animiert. Diese Rolle spielt Wolfgang Grupp wie wenige andere, die ich kennenlernen durfte. Was mich umtreibt, ist die Frage, ob diese Haltung innerhalb einer Organisation skalierbar ist. Kann der Haltungsfunke auf 1.200 Mitarbeitende überspringen? Seine Antwort ist kurz und knackig: „Ich möchte mal so sagen: Mit Sicherheit.“ Was frag‘ ich auch. Dabei geht es nicht darum, dass alle derselben Meinung sind, exakt dieselbe Haltung vertreten, sie gar imitieren. Es geht darum, dass man gewisse Prinzipien teilt. Und das bringt mich ganz dicht an einen gefühlten Kern des Employer Standing: Wer so eindeutig und klar seinen Standpunkt artikuliert und vertritt, der sorgt automatisch für eine Selbstselektion. Und wird Menschen um sich scharen, die dasselbe Wertefundament teilen. Das erklärt auch, weshalb Wolfgang Grupp Führungskräfte bewusst und ausschließlich aus den eigenen Reihen entwickelt.

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer StandingWolfgang Grupp kennt seine Grenzen. Und die seiner Organisation. „Eine Führungskraft von außen? Das kann ich meinen Leuten nicht antun. Dazu muss ich folgendes wissen: Wenn sich einer aus Hamburg, Düsseldorf, München oder Berlin bewirbt, und sagt wunder, was er kann und wo er war, dann stimmt da was nicht. Denn wenn er wirklich gut wäre, würde er sich doch nicht bei uns in Burladingen bewerben. Da bin ich realistisch.“ Einem aufmerksamen und umsichtigen Unternehmer sollte also klar sein, wer er ist, und wer nicht. Was er kann, und was eben nicht. Entsprechend werden Entscheidungen bei Trigema getroffen. Gemeinschaftlich, nicht isoliert. Wie auch, Wolfgang Grupp weiß vieles, aber nicht alles besser.

Ich kann alles entscheiden. Aber: Ich treffe keine Entscheidung, ohne meine Leute eingebunden zu haben. Denn ich brauche eine gewisse Sicherheit.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

Diese Klarheit bezüglich der eigenen Position bewahrt den Unternehmer offenbar auch vor dem eingangs erwähnten Größenwahn. Das wird vor allem beim Thema Wachstum deutlich. Wolfgang Grupp ist aufgewachsen in einer Zeit, in der man erst mit 21 volljährig war und an die sich das Größer-Weiter-Schneller-Prinzip der heutigen Leistungsgesellschaft angeschlossen hat. Mein eigener Vater sagte einmal: „Wenn du nicht automatisch jedes Jahr eine Gehaltserhöhung bekamst oder befördert wurdest, dann war etwas schief gelaufen.“ Der aus dem wirtschaftlichen Daueraufschwung resultierende gedankliche Höhenflug treibt heute so manchen Wirtschafts-Ikarus in die Pleite, siehe ehemalige Kaufhauskönige wie Neckermann oder heutige Highflyer wie Wirecard & Co. Auch dazu hat Herr Grupp eine einfaches Prinzip parat:

Die Firma kann so groß werden, wie ich sie persönlich voll überblicken kann. Wenn ich das nicht mehr kann, dann wäre ich verantwortlich für Dinge, die ich nicht erkennen kann.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

Im Laufe des Gesprächs fühle ich mich beinahe zu wohl. Alles ist so klar. So einfach. Wo sind die Unwägbarkeiten, die Grauzonen? Für Wolfgang Grupp scheinen sie kaum zu existieren. Fehlentscheidungen? „Wenn ich gestern eine Entscheidung getroffen habe, die heute aufgrund neuer Erkenntnisse falsch ist, dann muss ich meine Entscheidung sofort revidieren. Wer diesen Mut nicht hat, ist ein Schwächling.“ Also doch so einfach. In dieser Welt kann es demnach auch keine Entscheidung geben, die Herr Grupp bereut hat, denke ich bei mir. Stelle die Frage aber dennoch. „Das kann es nicht geben“, so die knappe Antwort, denn:

Eine Fehlentscheidung ist erst dann eine Fehlentscheidung, wenn ich erkenne, dass sie falsch ist und ich sie nicht korrigiere.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

 

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer Standing

Zu klar, um nicht wahr zu sein. Das ist Wolfgang Grupp. Und so komme ich langsam zu dem Schluss, dass unabhängig davon, ob man nun seine Ansichten teilt oder nicht, eines vollkommen klar ist: Wolfgang Grupp ist Wolfgang Grupp. Ob in Talk Shows, bei öffentlichen Auftritten oder im persönlichen Gespräch. Er sagt, was er denkt und handelt danach. Diese Transparenz und Verbindlichkeit machen die Strahlkraft dieses Unternehmers aus. Das Gespräch läuft, meine Gedanken fließen, die Zeit rennt. Er bleibt gelassen und höflich: „Wir haben die Zeit, die Sie brauchen.“ Wow, ich entspanne mich und stelle die letzten Fragen, während wir den vereinbarten Zeitrahmen überschreiten. Schließlich will ich meinen Lesern etwas mitgeben. Etwas von der Erfahrung dieses Mannes, der mal charmant schmunzelnd, mal heftig gestikulierend und ganz und gar authentisch erzählt. Was wäre sein Tipp also an heutige Start-Up-Gründer, an junge Menschen der Generation Y und Z, die voller Enthusiasmus und Tatendrang in die Wirtschaftswelt springen?

Wer ein Unternehmen gründet, muss wissen, dass er eine Verantwortung übernimmt für das, was er tut. Dass mit ihm immer andere Menschen verbunden sind, die von seinen Entscheidungen beeinflusst werden. Wenn er diese Verantwortung außer Acht lässt, wäre das verwerflich.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

Logisch, so einfach ist das. Kompliziert wird es nur, wenn wir es kompliziert machen. So ist das mit Prinzipien. Sie klingen einfach, haben aber schwerwiegende Auswirkungen. Ich kann es mir mit Blick auf multinationale Konzerne nicht verkneifen. Wolfgang Grupps Tipp an Konzernlenker und Konzernlenkerinnen? „Gar nichts, das müssen die selbst wissen. Sie müssen für das, was sie tun, zukunftsorientiert Verantwortung übernehmen.“ Und weil im Grunde alles mit unserem Bildungssystem anfängt möchte ich vor allem die Schulabgänger nicht außer Acht lassen. Für Wolfgang Grupp ist es „…im Prinzip immer dasselbe: Schulabgänger müssen sich bewerben, machen, tun und sehen, dass sie ihre Chancen nutzen und ihre Arbeit verantwortlich machen.“ Wir alle, davon ist Herr Grupp überzeugt, haben die Chance, unser zukünftiges Leben durch das, was wir tun, selbst zu bestimmen.

Wolfgang Grupp an seinem Schreibtisch im Gespräch mit menschmark zu Employer StandingIch habe Wolfgang Grupp als prinzipientreuen Unternehmer und zutiefst anständigen Menschen erlebt, der nicht danach trachtet, dass er anderen oder andere ihm nach dem Mund reden. Der im Gegenteil der Eigenverantwortung den höchsten Stellenwert einräumt und seine Standpunkte bestimmt, streitbar aber immer wohl überlegt und sachlich vertritt. Im Zuge der Ankündigung dieses Gesprächs haben Viele geäußert, von Herrn Grupp könne sich so manch Einer in der Wirtschaft eine Scheibe abschneiden. Wozu? Herr Grupp ist allem voran eines: Ein Mensch, der ganz bei sich selbst ist. Wer ein aufrichtiges Interesse an menschorientiertem Wirtschafts- und Arbeitsleben hat, sollte also lieber sein eigene Unternehmer-Stulle schmieren, statt sich Scheiben von anderen abzuschneiden.

Ob er noch einen unerfüllten Wunsch habe? „Nein. Erstens wäre es zu spät und zweitens hätte ich es längst gemacht. Das hier ist mein Leben. Ich mache das ja nicht, weil ich das muss, sondern aus Begeisterung und weil ich das Gefühl habe, dafür Anerkennung zu bekommen.“ Oder, gewohnt pointiert und prinzipientreu:

Nur das, was Sie mit Begeisterung machen, führt zum Erfolg.

Wolfgang Grupp im Juli 2020

Ein Mann, ein Wort eben.
In diesem Sinne danke für‘s Mitlesen.

Und immer schön Haltung bewahren!

2 Gedanken zu “Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Wolfgang Grupp

  1. Was für ein großartiger Beitrag. Jan, vielen Dank für das Teilen dieser großartigen Erfahrung.

    Hast Du das Gespräch auch aufgenommen? Über einen Video oder Audio-Mittschnitt würde ich mich wahnsinnig freuen!

    LG

    Christopher

    1. Hallo Christopher! Einen Audiomitschnitt habe ich, die Freigabe dieses Mitschnitts allerdings nicht. Mir geht es bei dem Audiomitschnitt nur darum, dass ich keine Inhalte verliere. Zudem müsste das Ganze natürlich auch ein wenig zusammengeschnitten werden, weil vorne weg und hinten dran und auch zwischendurch das eine oder andere Geplänkel stattfindet, das man in einem Audiomitschnitt natürlich nicht braucht. Also um es kurz zu machen,: ja, aber nein. 😉

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