Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Schwester P.

Schwester Peregrina streckt die Arme im Garten während des Gesprächs mit menschmark zu Employer Standing

In der Ruhe liegt die Kraft. Das prägende Gefühl nach meinem Gespräch mit Schwester Peregrina zu Haltungsfragen. Und es gefiel mir, denn im Branding-Zirkus geht es bunt und laut zu. Arbeitgeber/-Markenexperten (m/w/d) feilschen um die einzigartigste Positionierung, die ausgefeilteste Zielgruppensegmentierung, das kreativste Marktgeschrei und die erfolgversprechendsten Kennzahlen. Sie investieren Kraft, Geist, Geld und Zeit in Ergebnisse, die asap vorliegen müssen. „Man kann auch mal einen raushauen“, weiß Schwester P., die ich so nennen darf, weil es in unserer Gemeinde quasi ein geflügeltes Wort ist. Doch „einen raushauen“ sollte sich nur erlauben, wer einen festen Stand hat. Denn ohne Halt gerät man schnell ins Wanken.

Schwester Peregrina im Gespräch mit menschmark zu Employer Standing, ein Foto im garten„In der Ruhe liegt die Kraft.“ Eine Floskel? Oder ein geflügeltes Wort? Und was ist eigentlich der Unterschied. Diese und weitere Fragen durfte ich mit Schwester Peregrina erörtern. Schwester P. gehört seit ihrem 27. Lebensjahr einem Franziskaner-Orden an und steht als Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Hagen-Gellenbeck mit beiden Beinen mitten im Leben. Ich würde sie sofort jeder Organisation als mentalen Beistand empfehlen, so viel Charme, Humor und lebensnahe Standhaftigkeit versprüht sie. Für Schwester P. gibt es auf die Frage der Floskel eine klare Antwort.

„Floskeln sind wie Ohrfeigen. Sie tun weh. Sie helfen nicht. Und sie gehen vorbei.“

Schwester P. im Juni 2020

Geflügelte Wörter hingegen können dabei helfen, Dinge auf den Punkt zu bringen. Sachverhalte zu illustrieren, die man sonst nur schwer oder sehr ausschweifend erklären muss. Vor allem aber wirken sie im Kontext der Empathie. Es kommt darauf an, wie man etwas sagt und wie persönlich man dabei auf den Gegenüber eingeht. „Mitarbeiterorientierung“ ist eine allseits beliebte Phrase, die insbesondere in Zeiten von Corona einem Realitätscheck unterzogen wurde. Wer sie floskelhaft proklamiert, wird als Sprücheklopfer abgestraft. Wer sich ihr entsprechend verhält, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. Viele Employer Branding Aktivitäten verlassen sich im Versuch, komplexe Arbeitswelten vereinfacht abzubilden, allzu schnell auf diese und andere Floskeln. Da gibt es Werteversprechen, Führungsprinzipien und Imagekampagnen. Vorsicht vor den mündigen Bewerbern kann ich da nur sagen. Nicht nur eine Krise, auch ein wacher Geist entlarvt gut gemeinte Redewendungen schnell als schmerzhafte Floskeln. Auf den Satz einer Ordensschwester, „Wen Gott liebt, den züchtigt er“, entgegnet Schwester P. trocken: „Tja, auf diese Liebe kann ich verzichten.“ Weil sie weiß, dass geflügelte Worte ohne Kontext und ohne Empathie wie Ohrfeigen sind. Was aber kann man tun, um glaubwürdig „einen rauszuhauen“? Um Arbeitgeberpersönlichkeit pointiert zu beschreiben, ohne zur Floskel zu greifen?

Schwester Peregrina im Gespräch mit menschmark zu Employer Standing, ein Foto im gartenWachsamkeit, Zutrauen und Vertrauen – die Toolbox eines produktiven Miteinanders. Wachsamkeit ist das wesentliche Werkzeug für einen empathischen Umgang nicht nur mit Mitarbeitenden. Denn unabhängig vom beruflichen Stand oder gesellschaftlichen Status brauchen alle Menschen eine gute Begleitung durch die Fragen des Lebens und des Arbeitens. Wer auf andere zugeht, sich selbst zurücknimmt, mitfühlt und sich mit Bedacht äußert, hilft anderen, auf dem eigenen oder auch dem gemeinsamen Weg Schritt zu halten.

Haltung im unternehmerischen Kontext hat also mehr mit weichen Faktoren zu tun, als so mancher konformistisch geprägten Organisationsform lieb ist. Meilensteine wollen genommen, Hürden überwunden und Ziele erreicht  werden. Dazu dienten bisher Verordnungen, Befehlsketten, wiederkehrende Tätigkeiten mit entsprechenden Stellenbeschreibungen, disziplinarische Führungsprinzipien und kennzahlengetriebene Bewertungsmaßstäbe. All das hat in Zeiten der Massenproduktion geholfen, Heerscharen von Mitarbeitern zu beschäftigen. Heerscharen übrigens, die man zuvor rekrutiert hat. Heute mündet das Ganze dann ganz konsequent im War for Talents. Diese militärische Perspektive ist erschreckend und bezeichnend zugleich. Denn viele Organisationen folgen im Bemühen um klare Verantwortungsstrukturen und Arbeitsprozesse dem Militär als eine der Organisationen, die bis ins letzte Glied einer konformistischen Weltsicht unterliegen. Wie auch die Kirche. Das birgt Risiken, weiß Schwester P.: „Das Schwierigste beim Glauben ist das Bodenpersonal.“ Zuallererst kommt es auf die Führungspersönlichkeiten und ihre Führungsqualitäten an. Denn es geht nicht ausschließlich um Kontrolle und Disziplin. Es geht um Empathie und Wachsamkeit. Es geht darum, Menschen in ihrer Ganzheit zu erkennen und sie nicht den Stellenbeschreibungen entsprechend sondern ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. Leitung muss wahrnehmbar sein. „Jemand muss im Blick haben, wohin wir gerade gehen.“ Und Leitung geht Hand in Hand mit BegLeitung.

Der Mensch ist in der Weise des Werdens. Leitung heißt mitgehen und wachsam sein.“

Schwester P. im Juni 2020

Schwester P. wollte nach ihrem Anerkennungsjahr nicht wieder in die Gemeindearbeit. „Gott sei Dank hat sich die Gemeinde nicht daran gehalten“, sagt sie. „Ich hatte einen Pastor, der zu mir passte. Der mir sagte Du machst das schon. Er hat mir die Gemeindearbeit zugetraut. Und mir anschließend vertraut.“ Ihre Arbeit heute ist von unermesslichem Wert. Das sage ich nicht, um ihr zu schmeicheln, sondern weil ich niemanden sonst kenne, der Weltverbundenheit und Spiritualität so humorvoll und zutiefst menschlich vereint. „Es ist schon stark, wie manche Dinge sich fügen“, ergänzt Schwester P. schmunzelnd.

Schwester P. im garten im Gespräch mit menschmark zu HaltungsfragenBegleitung und Führung braucht Stärke. Und Stärke im unternehmerischen Kontext bedeutet, den Menschen sein zu lassen. Mit Blick auf ihren Glauben sagt sie: „Liebe heißt: Ich will, dass du bist.“ Ein fantastischer Satz für die Führung von Mitarbeitenden. Im Grunde spricht er Frederic Laloux aus dem Herzen, der in „Reinventing Organizations“ die Ganzheit des Menschen als ein Kernelement evolutionärer Organisationformen beschreibt. Ganzheit bedeutet, die Maske des eigenen Eos ablegen zu dürfen und sich mit seinen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, mit seinen Wünschen und Ängsten in den gemeinsamen Arbeitsprozess einzubringen.

In der Führung geht es darum, dass Menschen zum Leben kommen. Dass sie wahrhaftig werden mit den Begabungen und Fähigkeiten, die sie haben.“

Schwester P. zu ihrer persönlichen Mission

Leitung im Sinne einer guten Begleitung also. Die Wertschätzung des Menschen in seiner Ganzheit. Und das Ausschöpfen des in ihm verborgenen Potenzials. Ich teile Schwester P‘s. Überzeugung: „Es gibt einen bestimmten Esprit, und der ist nicht machbar. Jeder von uns hat etwas Ureigenes. Und wenn wir es nicht entwickeln, dann verkümmert es.“ Leider scheitern viele Organisationen daran, menschliches Potenzial zur Entfaltung zu bringen, weil die vor Jahrzehnten beschriebenen Prozesse und Strukturen die Räume dafür nicht vorsehen und weil To Do Listen, Zeitpläne und Handlungsmaximen enge Schranken setzen.
Von diesem Punkt ausgehend könnten wir die immer wiederkehrende Diskussion darüber befeuern, wie man das Ureigene erkennt, besser noch, die daraus resultierenden Leistungen prognostiziert. Solche Diskussionen führen unweigerlich zur Institutionalisierung unseres Esprits, unseres tatsächlichen Potenzials. Eine organisationsimmanente Verkümmerung unseres Talents. Im Weg stehen uns bei dieser Art der Unternehmensführung die Zeichen der Zeit. Ich nenne sie gerne die Zeit der Gleichzeitigkeit. Die Zeit, die uns keinen Raum zum Reflektieren und zur Muße lässt. Auch das bringt Schwester P. pointiert auf den Punkt: 

Was zu kurz kommt, ist Innehalten. Es ist schwer sich zu bewahren, den Einzelnen noch zu sehen. Schließlich wollen wir leben, nicht gelebt werden.“

Schwester P. im Juni 2020

Der Einzelne, das sind zunächst wir selbst. Wenn wir uns die Zeit nicht nehmen, zurückzutreten und uns zu fragen, was wir wirklich wollen, werden wir uns nicht weiterentwickeln. Das hilft uns nicht. Und unserem Arbeitgeber ebenso wenig.
Der Einzelne, das ist auch unser Gegenüber, dem wir Raum geben müssen, um zu sein. Nicht, um zu funktionieren. Wir müssen Dinge wahrnehmen, reflektieren, sacken lassen und für uns bewerten. Wenn wir diesen Raum nicht haben, weil alles asap erfolgen muss, dann fällt viel Gutes weg. Das sollten sich Führungskräfte und Unternehmenslenker zu Herzen nehmen, wenn sie wieder mal über Strategien debattieren, Teilziele ableiten und Arbeitspakete definieren. Asap.

Schwester P. im Garten im Gespräch mit menschmark zu HaltungsfragenHaltung einzunehmen erfordert somit Kraft, Hingabe, Ausdauer. Und wieviel Zweifel verträgt das Ganze? Vermutlich mehr, als man meint. Zunächst einmal ist es wichtig, sich zu entscheiden. Nach dem Prozess des Innehaltens, Reflektierens und Bewertens sollte man Stellung beziehen. Sich bewusst für eine Haltung entscheiden, einen Standpunkt einnehmen, von dem aus man die Welt betrachtet und zur Handlungsmaxime erklären. Aus Überzeugung, nicht aus Gewinnmaximierung. Und stets mit der nötigen Reflexion. Weil auch Standpunkte sich ändern können.

Das Schlimmste ist, entscheidungslos zu leben.  Wenn du dich entschieden hast, kannst du zielgerichtet leben.“

Schwester P. im Juni 2020

Und genau so verhält es sich auch im unternehmerischen Kontext. Das Fähnchen alle drei Jahre in den Wind managerialer Veränderungsprozesse zu hängen, bringt kurzfristigen Erfolg, aber es schafft keinen nachhaltigen Wert. Selbst aus Brandingsicht kann man konstituieren, dass stringent geführte Marken, die sich einem Wert verschrieben haben und diesen konsequent zum Leuchtturm der Marktbearbeitung machen, beständigeren Erfolg verbuchen, weil sie ein stärkeres Vertrauen genießen, als die Marken, die sich dem Mainstream anpassen und ihre Botschaft regelmäßig verändern.

Etwas moderner betrachtet es unter anderem Simon Sinek, der diesen Marken-Wert in der Frage nach dem Warum beschrieben sieht. Es geht nicht darum, Was man tut. Nicht um Dreijahrespläne zur Realisierung neuer Produkte und zur Sicherung von Marktanteilen. Es geht darum, Warum man es tut. Um eine gemeinsame Idee, um eine Passion die zur Leistung inspiriert und Veränderung bewirkt. Der Glaube ist zweifellos eine solche “Idee“. Der Glaube an Gott ist eine Einladung an die Menschen, sich aus der eigenen Begrenztheit zu befreien. Schwester P. ist überzeugt.

Uns Menschen eint eine Sehnsucht. Und zwar die Sehnsucht nach Mehr.“

Schwester P. im Juni 2020

Für die Einen ist es Gott, für Andere etwas anderes. Fakt ist, wir sind als Menschen begrenzt. Begrenzt im Denken, im Fühlen, in der Sprache. Der Glaube offeriert die Gewissheit, es gibt ein Mehr für mich. „Denn wenn ich nur mich alleine aushalten muss…das wäre ja auch `ne Katastrophe.“, lacht Schwester P.
Grundsätzlich ist es also begrüßenswert, dass Organisationen an Visionen arbeiten. Das Problem dabei ist möglicherweise das „Arbeiten“. Vermutlich ist es besser, einer inneren Stimme zu folgen, so wie es einst der allseits zitierte Steve Jobs getan hat, als er mit seinen Ideen stets den Satus Quo hinterfragen und damit die Geschäftswelt revolutionieren wollte: Be different. Dass dabei revolutionäre Personal Computer, das Smartphone mit gänzlich neuer Bedienoberfläche oder eine neue Art Musik des Musikvertriebs herauskommen, ist Ergebnis des inneren Antriebs. Des Warum. Die Kraft der Vision. Einer Vision, die man teilt. Eine gemeinsame Idee, die trotz der Verbundenheit, die sie erzeugt, immer wieder neu interpretiert werden kann.

Und der Zweifel? Der ist wichtig, elementar sogar. Denn im Zweifel liegt die Chance, etwas zu entdecken. Ist er berechtigt? Oder gebe ich ihm nach, weil ich mich gerade mit nichts anderem beschäftigen will? Und welche Optionen offenbart er mir? Den Unternehmenslenkern sei an dieser Stelle gesagt: Begrüßt den Zweifel. Nicht nur bei euch, sondern bei allen Mitarbeitenden. Er ist die unentbehrliche Kehrseite des Erfolgs, die Stütze der Entwicklung und ein Schatz der Erkenntnis.

Ob Haltung Zweifel verträgt? Sie benötigt ihn sogar.

In diesem Sinne: Vielen dank für eure Ausdauer.
Und immer schön Haltung bewahren!

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