HR, Corona und die Kraft der Muße

Jan sitzt am Schreibtisch im Home Office und nimmt sich Zeit zum Grübeln

Wer weiß schon, was als nächstes kommt. Ich jedenfalls nicht. Und ich weiß auch noch nicht, worüber ich schreiben soll. Denn eigentlich möchte ich gern dem Aufruf des von mir sehr geschätzten Persobloggers Stefan Scheller folgen, an der Blogparade #HRvsCoronaKrise teilzunehmen. Doch dazu ist schon so verdammt viel gesagt. Und geschrieben. Und gefilmt. Vielleicht setze ich mich einfach auf meinen „Train of thought“, wie der Engländer gerne sagt, und folge ihm…

Illustration von Jan in einem Zug, Über dem Zug Corona-WolkenSie ist da, die Corona-Krise. Und wir sind dort, im Home-Office. Für mich ist das im Grunde relativ normal, für viele Unternehmen aber leitet die Krise den vielleicht dynamischsten Abschnitt in Sachen Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt ein, den sie sich in diesem Maße so nicht hätten vorstellen können. Plötzlich helfen keine langen Debatten, ausgefeilten Vorstandsvorlagen und ausufernden Abstimmungsschleifen. Plötzlich ist entschlossenes Handeln gefragt. Der Mut zur berühmten Lücke wird zur Devise. Der Lücke, die sich sowieso immer auftut, wenn man etwas Neues wagt. Denn auf gewohntem Terrain, in ruhigen Gewässern lieb gewonnener Routinen, wissen wir sämtliche Lücken zu umschiffen. Auf diesen Irrwegen organisationaler Entwicklung umschiffen wir aber oftmals nicht nur die bedrohlichen Lücken, sondern auch die ihnen innewohnenden Chancen. So gesehen können wir der Krise dankbar sein. Denn sie offenbart zahlreiche Ansätze kooperativen, gemeinnützigen und dennoch geschäftstüchtigen Verhaltens:

  • Die Bekleidungshersteller Trigema und Eterna nutzen ihre Kompetenzen und produzieren Atmenschutzmasken. Bei Trigema können es bis 100.000 Stück pro Woche werden. Damit „helfen sie nicht nur sich selbst, sondern auch dem Gesundheitswesen und Behörden, die auf Nachschub angewiesen sind.“ (Quelle: absatzwirtschaft.de)
  • Unternehmen wie SAP entwickeln innerhalb von nur 24 Stunden eine App für das Auswärtige Amt, mithilfe der das Zurückholen gestrandeter Urlauber organisiert und koordiniert werden kann. Mit vermutlich weit über 60.000 Registrierungen bislang.  (Quelle: ntv.de)
  • Der Reifenhersteller und Mobilitätskonzern Michelin spendet bei Reifenpannen kostenfrei neue Reifen für liegen gebliebene Rettungsfahrzeuge. (Quelle: reifenpresse.de)
  • Die Fast-Food-Kette McDonalds und der Einzelhandelskonzern Aldi machen gemeinsame Sache, indem McDonalds seine Mitarbeitenden in die Aldi-Filialen entleiht. So profitieren beide Unternehmen, deren Mitarbeitenden und die Gesellschaft, die auf die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln angewiesen ist. (Quelle: manager-magazin.de)
  • Inspiration liefert das Wirtschaftsmagazin brand eins, indem es auf LinkedIn jeden Tag eine Geschichte aus dem Archiv holt, die Mut machen soll. Wie etwa die einer Immobilienfirma, die keine eigenen Immobilien unterhält, weil sie ihren Firmensitz kurzerhand ins Internet verlegt hat. (Quelle: brandeins.de)
  • Aber auch im kleineren Kreis tun sich viele zusammen. Software-StartUps, Coaches, Changebegleiter und Freiberufler jedweder Art berichten täglich auf LinkedIn-über Erfahrungen, Hilfestellungen, Tipps oder bieten konkrete Dienstleistungen, und Tools an.

Man rückt zusammen. Im Großen wie im Kleinen. Das ist gut so. Sorgt aber auch dafür, dass man beinahe ausschließlich Informationen über Schutzmaßnahmen, Hilfsaktionen, Home Office-Erfahrungen, Co-Working-Tools sowie mehr oder weniger fruchtbare Diskussionen über Mietzahlungen, Lohnfortzahlungen, Bonuszahlungen & Co liest.

Diese schwierige Zeit ist geprägt von der Überlegung, wie man sie übersteht. Wie hoch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden ausfallen mögen. Und wie man sie möglichst eindämmt. Dazu kann ich nichts beitragen, weil ich schlicht nicht über die entsprechenden Kompetenzen oder Erfahrungswerte verfüge. Wie also nutze ich persönlich diese schwierige Zeit?

Ich behaupte ja immer, Gutes entstehe aus sich selbst heraus. Was also entsteht in und aus der Krise? Wie ich eingangs schon sagte, tue ich mich mit einem eigenen Beitrag zum Produktivitätserhalt, zur organisationalen Restrukturierung oder zur seelischen Unterstützung schwer. Die sozialen Netzwerke sind prall gefüllt mit Hilfestellungen, Erfahrungsberichten, Tipps und Angeboten. Ich schätze die meisten dieser Hilfestellungen und das dahinter steckende Engagement der Beteiligten sehr. In einer Zeit der persönlichen Distanzierung steigt die digitale soziale Nähe – eine Lehrstunde, die uns in Summe gut tun wird, weil sie Hemmungen und Bedenken abbaut und das Augenmerk auf die damit verbundenen Chancen richtet.

Illustration von Jan, der ein Dankeschild in der Hand hältEine dieser Engagierten ist Gesine Engelager-Meyer. Als Changebegleiterin, Konfliktmoderatorin und Bloggerin gibt sie regelmäßig Impulse auf LinkedIn. In ihrem heutigen ist es vor allem ein Satz, der mich aufhorchen lies: Was wir bei teamelephant machen ist übrigens alles andere als systemrelevant.“ Genau das treibt mich um.

Die Aufmerksamkeit dieser Tage gebührt zu Recht denen, die das Land am Laufen halten. Und dazu gehört sicher kein Employer Brand Facilitator. Wenn nahezu alles bereits gesagt wurde, was soll ich als Employer Brand Facilitator noch beitragen? Ich bin kein Organisationsentwickler, Führungskräfteberater, Change-Guru, Arbeitsmarktexperte, Psychologe oder Soziologe und verfüge über keinerlei wissenschaftlichen Anstrich. Ich bin nicht systemrelevant, nicht in dem Maße, wie wir es aktuell benötigen. Und das sage ich ohne Bitterkeit, es ist vollkommen in Ordnung. 

Ich bin nicht systemrelevant. Aber ich bin Mensch. Und als Mensch erkenne ich in der Krise eine große Chance: Die Gelegenheit zur Muße.

Es gibt etwas sehr positives, dass ich der Corona-Krise abringen kann: Zeit. In einer Zeit des Wahrnehmungsdiktats durch eine fortwährende digitale Sichtbarkeit verlernen wir, Dingen Raum zu lassen. Lässt etwa eine Antwort auf eine WhatsApp-Nachricht länger als fünf Minuten auf sich warten, werden wir unruhig, verärgert ob der vermeintlichen Ignoranz des virtuellen Gegenüber. Wir halten kommunikative Stille nicht mehr aus. Der Wunsch nach Feedback ist omnipräsent. Führungskräfte geben Mitarbeitenden Feedback, diese äußern sich anonym über Führungskräfte, wir liken und bewerten, was das Online-Zeug hält, Empfehlungen sind zur Währung geworden. Aushalten scheint keine Tugend, sich Zeit nehmen keine Option zu sein.

Ich plädiere für die Rückkehr zur Muße. Denn der wahre Luxus hoch entwickelter Gesellschafts- und Wirtschaftsformen sind Raum und Zeit.

Dieser Gedanke begleitet mich seit über 20 Jahren, als eine damalige Freundin zu mir sagte: „Das, wofür die Menschen heutzutage viel Geld bezahlen, sind Platz und Zeit.“ Sie hat in jungen Jahren als Flugbegleiterin gearbeitet.

Illustration von Jan, der seine Blume der Selbstwirksamkeit im Arm hält, deren Blüte ein Corona-Virus darstelltIch wünsche uns allen, dass die Menschen, die aktuell mehr Zeit finden, als ihnen lieb ist, die gegebene Zeit nutzen, um zur Muße zurück zu kehren. Der Duden bietet uns als Synonym für das schöne Wort „Muße“ die Ruhe, die Stille oder das Nichtstun an. Nichtstun? Im Ernst? Jetzt, wo so viele Menschen kaum Zeit zum Durchatmen haben, weil sie alles geben, um zu versorgen, zu pflegen, Leben zu retten?

Ja, Nichtstun. Weil wir auch Kraft für später brauchen. Für den Sturm nach dem Sturm. In der Ruhe liegt die Kraft. Und eine Option dieser schwierigen Zeit ist es, die Ruhe zu nutzen, um positive, Sinn stiftende oder auch aufrüttelnde Gedanken und Allianzen zu formen. Damit wir wieder lernen zu trennen, und zwar das Systemische vom Relevanten. Denn nicht alles, was einem System innewohnt, ist auch wirklich relevant.

Zeit also umzudenken, neu zu denken, weiter zu denken. Dann steckt in dieser erschreckenden Krise viel Potenzial. Und hier, genau hier, kann HR einen unschätzbaren Beitrag in kultureller, systemischer und vor allem relevanter Weise leisten. Weil gut aufgestellte HR-Abteilungen als einzige die Schnittstelle zwischen Markenwerten (= Orientierung), Mitarbeiterwirksamkeit (=Leistungsfähigkeit) und Organisationsentwicklung (=Überlebensfähigkeit)  beleuchten und behandeln kann. Lehnen wir uns also zurück – und packen’s an.

 

 

2 Gedanken zu “HR, Corona und die Kraft der Muße

  1. Ein sehr inspirierender und zum Nachdenken anregender Beitrag.
    Für mich persönlich auch gerade jetzt, fast zwei Monate nach dem Verfassen, da wir uns langsam zu einer „neuen Normalität“ zurück zu bewegen scheinen, und eine neue, andere Alltagshektik und Unsicherheit sich breit macht.
    Nach wie vor tut es uns dabei gut, uns auf uns selbst zu besinnen. Vielen Dank für den Anstoß!

    1. Vielen Dank für die netten Worte. Mittlerweile sind nahezu 10 (!) Wochen vergangen, die wir uns der Krise beugen mussten. Und sie wird uns noch lange beschäftigen. im Guten wie im Schlechten. Sogar mein Optimismus hat mittlerweile gelitten. Woran ich aber festhalte ist der dringend notwendige Raum für Muße, Nachhaltigkeit und Sinngehalt. Denn auch in der Krise war die Geschwindigkeit der Learnings und daraus abgleiteten Rezeptansätze schwindelerregend. Die von mir genannten Aspekte mausern sich hoffentlich immer mehr zu Wertschöpfungstreibern und sollten unternehmerische Relevanz besitzen. Fernab der bereits langjährigen Lippenbekenntnisse.
      Stoßen wir uns also weiter regelmäßig an… 😉

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