Wenn Gedanken Goldene Kreise dehnen

Foto von Jan der auf ein illustriertes Männlein auf seiner Schulter schielt, das eine Fahne mit der Aufschrift trägt: Start with my why.

Das neue Jahr ist da, und das alte wirkt nach. Nachdem ich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres durch Simon Sineks „Golden Circle“ geschritten bin, stand ich mitten drin in der Diskussion um Purpose & Co. Ich hatte Klarheit bezüglich der Frage gefunden, wo ich stehe, wie ich dorthin gekommen war und was offenbar Sinn und Zweck all meines Handelns sei. Dazu hatte ich mich dann Anfang Dezember geäußert und geoutet.  Mir war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich mit allem, was ich tue, vor allem eines erreichen will: Create Happiness. Klang gut. Fühlte sich gut an. Schien schlüssig zu sein.

Und dann traf ich den Geschichtenerzähler aus Wien. In einem vierstündigen sehr anregenden Gespräch mit Markus Gull über Haltungsfragen im Wirtschafts- und Arbeitsleben kamen wir unweigerlich auf das Thema Purpose zu sprechen.

„Jan, warum tust du, was du tust?“
„Alles aus einem Grund, den ich „Create Happiness“ nenne.“
„Aber warum Create Happiness? WARUM?“

Ich stellte fest, dass man diese Frage nach dem Warum mit schwindelerregender Grenzenlosigkeit stellen kann. Zu jeder Antwort passt sie wie die rhetorische Faust aufs Auge: Aha, und warum das Ganze? Und so dreht sich das Perpetuum Mobile des WHY kontinuierlich weiter. Bis man ins Straucheln gerät.

Die Drehungen wurden weiter beschleunigt durch eine differenzierende Stellungnnahme von Dr. Nico Rose auf Xing mit dem Titel „Warum wir (k)einen Purpose im Leben brauchen“ und erneut durch den hoch interessanten Artikel „Don’t start with why“, der den ganzen Hype um Sinkes Modell aus einer konträren Perspektive betrachtet, weniger euphorisch, dafür umso skeptischer ob der schillernden Beispiele die den Rosinen im Stollen gleich aus der Masse der unternehmerischen Teigwaren herausgepickt werden.

Wo sollte ich nun mit meiner Euphorie hin? Endlich Klarheit und dann pickt mir jemand eben jene Rosinen aus meinem Selbstfindungstörtchen. Aber nun, Markus Gull hatte recht. Auch Psychologie und Neurowissenschaft lehren uns, dass wir alle sehr starke Motive teilen: Liebe und Hass, um mal die beiden stärksten zu nennen. Das hat viel mit Biologie zu tun und ist insofern verwirrend, als dass auf diesem Niveau sehr generische Aspekte zutage treten, die vielen Individuen gemein sind. Liegt in der Natur der Sache. So kommt es denn auch, dass viele Organisationen durch langwierige Prozessestrudel manövrieren auf der Suche nach dem Leuchtturm des Geschäftsgebahrens. Sie wollen ihrem Tun wieder Sinn verleihen, einen Purpose entdecken, den ihre zahlenden Follower und Fans teilen. Diese geben Geld oder Lebenszeit dafür aus, mit der Organisation gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort zu machen. „Good Food, Good Life.“ heißt das bei Nestlé, „Science for a better Life“ im Slogan von Bayer und direkt im ersten Satz postuliert das Life-Science-Unternehmen, es wolle das Leben besser machen. Da reihen sich die Procter und Gambles nahtlos ein, indem sie erklären, wie sie „jeden Tag besser machen„.

So generisch kann das also werden, wenn man seinen Antrieb erkundet? Das hat mich umgetrieben. Denn einerseits war mir klar, dass es sehr grundlegende Motivstrukturen gibt, die sich zwar in ihrer individuellen Ausprägung unterscheiden, die uns aber andererseits auch einen. Darüber hinaus unterscheidet die Psychologie aber auch Motive biologischen Ursprungs und solche, die unter dem Einfluss des sozialen Umfelds stehen. Sie differenziert implizite und explizite Motive und benennt den Einfluss kognitiver Überlegungen etwa in Zusammenhang mit Belohnungserwartungen. (siehe auch Psychologische Erklärungsmodelle für Motive und Motivation (Stangl, 2020).

Also doch etwas komplexer, als es Sineks einfaches WHY suggeriert? Mag sein, vermutlich liegt aber gerade in der starken Vereinfachung der Reiz von Sinkes Modell. Und das halte ich für legitim. Zwar bezieht er sich auf biologische Grundlagen, ohne diese aber über die Benennung beteiligter Hirnregionen hinaus gehend zu erörtern. Zumindest nicht in seinem Buch „Start with Why“. Macht aber nichts, denn er betrachtet sein Modell aus einem Marketingblickwinkel ohne Anspruch auf psychologische Vollständigkeit. Und so kommt es wohl, dass das Modell gerade jenen Menschen Zugang zum Kern ihres Tuns ermöglicht, die sich eben gerade nicht in die Tiefen der Biologie, Psychologie oder Neurowissenschaft begeben. So auch ich. Genau an dieser Stelle setzte der Reflexionsprozess wieder ein. Denn:

Die Einfachheit des Golden Circle mahnt zur Ehrlichkeit, zum genauen Blick auf das, was uns bewegt. Ich bin nach wie vor sehr zufrieden mit meinem „Create Happiness“. Das ist, worauf mein Tun hinausläuft. Und was mir hilft, mich dabei nicht zu verlaufen, auf Kurs zu bleiben. Oder einfach nur mein Wirken zu verstehen und, ja, auch zu inszenieren. Dennoch ließ mich die Frage von Markus Gull nicht los: „Warum das Kreieren und die Happiness?“ Auf einer Metaebene war es mir eigentlich schon immer klar, nur aufgeschrieben hatte ich es bisher nicht. Ich sehne mich nach Anerkennung.

Ausschnitt aus Jans Golden Circle, der den unterbewussten Motivator Anerkennung zeigt

Richtig, das ist ganz schön global. Auf dieser Metaebene kann ich mein Handeln nicht pointiert erklären. Diese Metaebene wollte ich offenbar nicht im Inneren des Golden Circle sehen. Das wirkt pathetisch, beinahe banal. Außerdem, wie sähe das denn aus: „Herr Willand, warum tun Sie, was Sie tun?“ „Weil ich mich nach Anerkennung sehen, liebe Kundin, lieber Kunde. Finden Sie mich bitte toll und alles ist gut.“ So läuft das nicht. Und so bin ich nicht. Auch wenn ich um diesen Antrieb weiß.

Meine Schlussfolgerung: Ich habe meine Motivation übersetzt. Alles, was ich tue, sei es für mich, für meine Familie, meine Kunden, all das tue ich, um Freude zu kreieren. Dieser Satz beschreibt mein Wirken. Und operationalisiert gewissermaßen meinen inneren Antrieb, meinen Wunsch nach Anerkennung. Als meine Mutter uns verließ, war ich acht Jahre alt, ein schwieriges Alter für ein solch einschneidendes Erlebnis. Als Scheidungskind wurde es mein Bestreben, Liebe und Anerkennung zu gewinnen. Mein Vater, bei dem wir weiter aufwuchsen, pflegte ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu uns und meisterte die Situation so gut er konnte. Das hat sehr gut funktioniert, entbehrte aber emotionaler Tiefe. Seine Zuneigung äußerte er materiell und kognitiv. Zu meinem Glück habe ich neben dem Pragmatismus meines Vaters auch die Empathiefähigkeit meiner Mutter geerbt und so wurde Empathie der Zugang zu meiner Umwelt. Die Sehnsucht nach Anerkennung zog sich wie ein roter Faden durch meinen Lebenswandel, jede Beziehung wurde davon beeinflusst, mal mehr, mal weniger wohltuend. Und das ist bis heute so.

Wie auch immer: „Create Happiness“ beschreibt also mein Wirken, und der Wunsch nach „Anerkennung“ liefert die Erklärung, warum „Create Happiness“ meine Herzensangelegenheit ist.

Jan und die Anerkennung und die Sichtbarkeit

Zu dieser Ergänzung des Golden Circle gesellte sich ein weiterer Aspekt: Mein primär visueller Zugang zur Welt. Ich liebe es, Dingen Ausdruck zu verleihen, Sichtbarkeit zu erzeugen. Denn was ich sehen kann, kann ich teilen. Wort, Bild, Kleidung, Motorrad, alles was in meinem Golden Circle im Bereich des WAS auftaucht, ist sichtbar.

Und so helfe ich auch anderen dabei, Gedanken, Beziehungen, Prozesse, Ideen sichtbar werden zu lassen. Nicht zuletzt helfe ich dabei, innerhalb der eigenen Organisation Sichtbarkeit zu erzeugen, Anerkennung zu erarbeiten.

Damit auf der Reise zum „Warum“ aus gesammelten Erkenntnissen ein passabler Wanderschuh wird, braucht es die eine, tatsächlich differenzierende Komponente: die Persönlichkeit.

Mir wurde in der Auseinandersetzung mit Markus Gulls Frage und den oben zitierten Artikeln klar, wie ich mein Modell des Golden Circle erweitern muss, um das Perpetuum Mobile des „Warum“ bremsen zu können: um die Empathie, die sich durch mein Wirken hindurch zieht.

Ausschnitt aus Jans Golden Circle, der den unterbewussten Motivator Anerkennung zeigt sowie den bewussten Wunsch nach Sichtbarkeit und die Übersetzung in Empathie

Als Unternehmer würde ich sagen, die Menschen arbeiten nicht vorrangig mit meiner Expertise und Erfahrung, sie arbeiten primär mit mir. Ohne Empathie ist in meiner Welt alles nichts. Also fügte ich sie meinem Modell hinzu. Ich folgte meinen Gedanken bei ihrem Gang und hielt mit Zettel und Stift fest, was sie unterwegs eingesammelt hatten. Und so dehnte ich den Golden Circle aus, indem ich nicht das Why als differenzierendes Element definierte, sondern meine Persönlichkeit. Indem ich also mich im Kontext meines Wirkens abbildete. Das entstandene Bild hilft mir, zwischen einer zutiefst persönlichen Motivation, der Sehnsucht nach Anerkennung, und einem geschäftsfähigen Antrieb,  Freude zu kreieren, zu differenzieren. Die Empathie ist das Bindeglied beider Elemente.

Das Modell des Golden Circle im Selbstversuch, erweitert um den Aspekt "Ich im Kontext meines Wirkens"

Die von mir als „Sonnenblumenmodell“ betitelte Interpretation ist somit gewissermaßen mein Golden Circle 2.0 und die nächste Zwischenstation auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Der so entstandene Schuh fühlt sich sehr bequem an, möge er mich eine Weile auf meiner Reise durchs Arbeits-/Leben tragen.

So, und nun bin ich gespannt, was noch folgen wird, denn Reisende soll man nicht aufhalten und unterwegs kann viel passieren…

 

Verwendete Literatur:
Stangl, W. (2020). Motiv und Motivation Psychologische Erklärungsmodelle. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MOTIVATION/MotivationModelle.shtml (2020-01-07).

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