Employer Branding und die Sternsinger

Jan im Wald, darüber sinnierend was das Employer Branding von den Sternsingern lernen kann

Ab und an gehe ich in die Kirche. Weihnachten, klar, und seit ich in einer katholisch geprägten Familie eingeheiratet bin auch zu anderen Anlässen. Heute, Sonntag, war es die Sternsingeraktion, bei der meine Große das zweite Mal mitgelaufen ist. Also ab in die Kirche und zusehen, wie die Kreide und die Aufkleber gesegnet werden und die Schar an Sternsingern sich auf den Weg macht. Die Spendengelder, die beim Singen an den Haustüren im gesamten Ort gesammelt werden, kommen in diesem Jahr einer Einrichtung in Perus Hauptstadt Lima zugute, die behinderte Kinder unterstützt und begleitet.

Und so saß ich wieder mal ich in der Kirche und war hin und her gerissen. Zwischen Alteingesessenem und neuen Impulsen, zwischen der immer gleichen langweiligen Litanei und der frohen Botschaft, zwischen Form und Inhalt. Als die Kinder sich draußen auf den Weg machten, kam Schwester P. zu uns. „Hallooo“, rief sie und strahlte auf die ihr eigene ansteckende Art, „los geht’s, die schönste Botschaft der Welt!“ Und die lässigste Gemeindeschwester, die man sich vorstellen kann. „Und wisst  ihr was“, wandte sie sich an meine Tochter und ihre beiden Freundinnen, „dass ihr Kinder bei uns auf die Straße geht für andere Kinder, das finde ich richtig klasse.“ Zu meiner Jüngsten beugte sie sich herab und fragte: „Und? Machst du auch nächstes Jahr mit?“ „Ja“, grinste Elisa sie an. „Super, schlag ein!“, rief Schwester P. und gab meiner Tochter High Five. Danach zog die über 60jährige weiter zu den anderen Grüppchen und machte Stimmung.

These: Employer Branding braucht eine Mission, die aus einzelnen Mitarbeitenden eine Gemeinschaft macht und Gemeinsinn stiftet.

Ich gehe auch joggen. Deutlich öfter als in die Kirche. Auch heute habe ich mich anschließend bei Nieselregen auf den Weg durch den Wald gemacht. Was das alles mit Employer Branding zu tun hat? Genau das ging mir dabei auch durch den Kopf. Und wie so oft beim Joggen wurden die Gedanken klarer. Vielleicht sollten Pastoren mit der Gemeinde öfter mal Joggen gehen…Outdoorpredigt sozusagen?

Mir fiel auf, dass die Litaneien und Rituale langatmig und langweilig anmuten. Und doch: jedem ist klar, was ihn oder sie erwartet, jeder macht mit und weiß um die Bedeutung. Diese Rituale verbinden Menschen in der ganzen Gemeinde, sie lassen Unterschiede vergessen und stärken Gemeinschaft. Im christlichen Umfeld sogar weltweit. Da gehen in Hagen am Teutoburger Wald etwa 100 Kinder durch die Straßen, verkünden die Botschaft von der Geburt Jesu und sammeln Geld für Kinder in Peru. Eine ganze Menge Geld, nebenbei bemerkt. Um diesen Gemeinsinn am Leben zu erhalten, braucht es Rituale.

Und wie steht es um den Gemeinsinn in unseren Unternehmen? Das gemeinsame Voranschreiten für eine hoffentlich gute Sache? Das gegenseitige Unterstützen und das füreinander Einstehen? Vermutlich mal besser, mal  schlechter. Fakt ist jedenfalls, dass die Stärke einer Gemeinschaft auf der gemeinsamen Mission als verbindendes Element fußt. Dasselbe Ziel und ein gemeinsamer Verhaltenskodex, wenn man so will, oder einfacher formuliert: die gemeinsame Sache.

Ich höre schon wieder das Stöhnen: Sei doch alles bekannt, schon zig mal beschrieben. Mag sein, doch wundert es mich, wie oft ich diesen Teamspirit, wie ihn manche im Zeitalter der Agilität vielleicht lieber nennen, auf Teamebene erlebe, aber nicht als übergreifendes Bindeglied zwischen den Abteilungen und zwischen den Hierarchien. Das liegt meines Erachtens unter anderem daran, dass Teams gelernt haben, sich zu organisieren, sich zu begeistern, zusammen zu halten. Im Zweifelsfalle unabhängig von einer mehr oder weniger präsenten Führung, gegebenenfalls sogar über  die Führungsköpfe hinweg als Reaktion auf die steigende Komplexität im Arbeitsalltag. Und in Verbindung mit Zielen, die auf dem Papier eine gute Figur machen, aber der Realität nicht immer standhalten. Hinzu kommt, dass im selben Zuge die Führungspersönlichkeiten ihrer eigentliche Aufgabe nicht nachkommen. Weil sie den Zielen hinterher rennen, im schlimmsten Fall den damit verbundenen eigenen Boni, und nicht alles dafür tun, eine Kultur des Gemeinsinns zu etablieren.

Ja, ich habe mich in der Kirche gelangweilt. Aber ich kann nicht abstreiten, dass die spürbare Verbindung der Menschen ein starker emotionaler Moment ist. Insbesondere, wenn sie sich beim gemeinsamen „Vater unser“ über Bänke hinweg an den Händen halten und sich anschließend gegenseitig Frieden wünschen. Wenn die Gemeinde also zusammensteht. Das ist ein sehr schöner Brauch, wie ich finde.

Nun würden die meisten Unternehmensvertreter mir bescheinigen, dass sie eine Mission, ja sogar eine Vision hätten. Visionen – so weit mag ich gar nicht gehen. Sie leiten uns, ja, aber bei der Mission geht es ums Anpacken, um das Hier und Jetzt. Und ja, die meisten Unternehmen haben so etwas formuliert. Irgendwo. In einem Stehsammelordner. In einem Schrank. Oder in einem Bilderrahmen auf dem Flur. Das Problem ist, dass diese Missionen und die damit verbundenen Wertvorstellungen zwar sichtbar werden, nicht aber spürbar. Begriffe wie „Teamgeist“, „Vertrauen“ oder „Nachhaltigkeit“ zu inszenieren ist nett, entfaltet aber allenfalls eine kurzfristige Wirkung.

Vorschlag: Wir brauchen mehr Missionare (m/w/d). Und Geschichten, die sie hinaus tragen in die Unternehmenswelt.

Was ich nun von der Sternsingeraktion mitgenommen habe, war das Zusammenstehen einer großen Anzahl an Menschen. Das Leuchten in den Augen der Kinder. Kinder übrigens im Alter von etwa 5 bis 14 Jahre. Die gemeinsame Mission als Bindeglied. Auch, wenn die Süßigkeiten, die neben der monetären Zuwendung ausgegeben werden, keine unerhebliche Rolle spielen. Und das im Rahmen der ewigen Litaneien und Rituale sich verwurzelnde Verständnis von Richtig und Falsch.

Für den Transfer auf die Employer Branding-Welt fasse ich mal meine drei Gebote, äh, Learnings, kurz und knapp zusammen:

  1. Sucht und benennt den Sinn eurer Unternehmung. Warum existiert das Unternehmen? Und was würde der Welt fehlen, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre? Die Antwort stiftet Gemeinsinn. Und dort, wo Menschen Gemeinsinn finden, entsteht Gemeinschaft.
  2. Ernennt keine Führungskräfte, sondern sucht Missionare. Wer in der Lage ist, Menschen mit auf eine gemeinsame Reise zu nehmen, sie zu bewegen, der pflegt Kultur. Eine Kultur übrigens, in der die Menschen sich freiwillig wertschöpfend beteiligen . Eine Leistungskultur also.
  3. Ersetzt langwierige Meetings durch sinnstiftende Rituale. Meetings sind in den wenigsten Fällen effizient, erst recht nicht effektiv. Sie sind der Inbegriff einer self-fulfilling-prophecy. Wir treffen uns, weil…wir uns treffen. Anders bei ernst gemeinten Ritualen – sie fußen auf einer gemeinsamen Geschichte. Einer, die die Menschen erlebt haben, deren Botschaft sie teilen oder an der sie gerade arbeiten. Somit sind Rituale nicht langweilig, sondern vertrauensbildend, verlässlich und verbindend. Sie machen klar, wofür man zusammensteht. Und zwar immer wieder. Sie erhalten die Kultur am Leben.

Im Übrigen freue ich mich ganz nebenbei über die Erkenntnis, dass es bei christlichen Ritualen nicht um die Frage des Wahrheitsgehaltes der damit verbundenen Storys geht, sondern um deren Botschaft. Nicht umsonst ist die Bibel eine Sammlung von Gleichnissen. Was uns zum Thema Storytelling bringt, aber das ist eine andere Geschichte…

In diesem Sinne wünsche ich allen Unternehmenslenkern keine glückliche Hand, sondern eine wohl überlegte und im wahrsten Worte besinnliche Wahl der richtigen Missionare, also Führungskräfte, zur Verbreitung einer richtig guten, also ihrer  Geschichte. Dann klappt es auch mit der Leistungskultur.

Und jetzt dreh ich die Lautsprecher wieder auf, „Highway to hell“ vielleicht…

 

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