Entwicklungshilfe

Jan hält die Hände wie eine Waage, auf der einen lastet schwer ein Geldsack mit Aufschrift Forschung und Entwicklung, auf der anderen federleicht eine Geldbörse mit Aufschrift Personalentwicklung

Deutschland, Land der Ideen, so schallt es seit 2005 durch die Republik. Einst gegründet im Zusammenspiel der Bundesregierung (federführend der damalige Bundesinnenminister Otto Schily) sowie der deutschen Industrie (vertreten durch den ehemaligen BDI-Präsidenten Michael Rogowski) und unter der Schirmherrschaft der ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff sollte die Initiative die Innovationskraft Deutschlands in den Fokus der Weltgemeinschaft rücken. Eine schöne Idee, zumal 2006 die Fußball-WM ins Land kam.

Deutschland als hoch attraktiver Wirtschaftsstandort also. International betrachtet haben andere ihre Nase in puncto Innovation allerdings vorn. Zumindest suggeriert das eine Studie von Strategy&. Die Strategieberatung von PwC hat im vergangenen Jahr die Ausgaben für Forschung & Entwicklung der 1000 größten Wirtschaftsunternehmen weltweit unter die Lupe genommen. Deutschland ist genau 2x unter den Top 20 vertreten. Der Volkswagenkonzern ist dabei das Glanzlicht: 12,1 Mrd. Dollar gehen hier auf das Konto der F&E-Abteilungen. Seinen Spitzenplatz hat VW damit im Jahr 2017 an amazon abgeben müssen – wen wundert’s. Im Schnitt investieren die Top 20 zwischen 11% und 25% ihres Umsatzes in die Forschung, wie man der Zusammenfassung der Studienergebnisse in der Zeit entnehmen kann.

Was hat das Ganze nun mit Personalentwicklung zu tun? Nun, lediglich ein Gedanke von mir, der mal wieder ungefragt des Weges kam. beim Joggen oder so. Nämlich die Frage, wer eigentlich die gewünschten Innovationen heraufbeschwören soll, damit die Ideen im Land aufblühen. Nahe liegend: die Mitarbeitenden der Wirtschaft, die sich mit dem Ideenreichtum der Deutschen brüsten möchte.

These: Wir stecken zu viel Grips und Geld in Ideen für Ideen, und zu wenig in die Ideenträger – die Mitarbeitenden.

Wäre doch eigentlich ebenso nahe liegend, in Menschen zu investieren, denn irgendjemand muss ja die Ideen entwickeln, die das Land schmücken sollen. Also habe ich mal gegoogelt (googles Mutter Alphabet übrigens ebenfalls unter den Top 3): Im Bereich Personalentwicklung haben innerhalb Deutschlands die Finanzdienstleister und Versicherungskonzerne die knapp geschnittenen Spendierhosen an. Laut eines Berichts von Haufe stecken Unternehmen dieser Branchen sage und schreibe 310.000 EURO im Schnitt pro Jahr in die Weiterbildung Ihrer Mitarbeitenden. Es folgen die öffentliche Verwaltung mit durchschnittlich 245.000 EURO pro Jahr und die IT-Branche mit etwa 228.000 EURO Investitionssumme.
Um Ideenträger zu gewinnen, muss man noch Recruitingkosten hinzuziehen. Dazu zähle ich alle Bemühungen entlang der Candidate Journey, von der Anwerbung über die Bewerbungsphase, den Einstellungsprozess bis zum Onboarding. Danach greift dann die oben genannte Personalentwicklung.
Zu diesen Prozessen haben versiertere Kollegen wie Wolfgang Brickwedde, Henrik Zaborowski oder Claudia Lorber sicher tiefere Einblicke. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, das geschätzt etwa 30.000 bis 80.000 pro Unternehmen in Employer Branding-Projekte fließen plus anschließende Personalmarketingbudgets in Höhe von geschätzt 50.000 bis über 1 Million EURO – je nach Unternehmen und letzteres nur in Einzelfällen. Unterm Strich stellt sich mir ein Wirtschaftsstandort dar, an dem man hohe Investitionssummen für F&E vorsieht, zugleich aber sehr zurückhaltend in der Rekrutierung und Bindung der eigentlichen Ideenträger agiert. Deutschland, Land der Ideen – oder doch eher ein Land der Furcht vorm Scheitern?

Vorschlag: Umdenken und Umverteilen für mehr Mut zur Lücke und mehr Geld für die Personalwerbung und -entwicklung der Ideenträger.

Knüpfen wir wieder bei der Weiterbildung an. Was mich freut: Der Mittelstand legt vor. Ich zitiere mal einen weiteren Beitrag, den ich bei Haufe gefunden habe:

„Rechnet man das Gesamtbudget für Weiterbildung auf die Mitarbeiter um, so wissen vor allem mittlere und kleinere Unternehmen mit 150 bis 249 Angestellten den Wert von Weiterbildung zu schätzen. Mit durchschnittlich 518 Euro pro Mitarbeiter geben sie weit mehr dafür aus, als größere Unternehmen, die nur 259 Euro durchschnittlich pro Jahr in die individuelle Weiterbildung investieren.“

Macht 103.600 EURO bei einer Unternehmensgröße von durchschnittlich 200 Mitarbeitenden. Und bei den größeren Mittelständlern geht das finanzielle Budget offenbar eher zurück.

Was mich daran ärgert ist die auch an dieser Stelle deutlich zutage tretende Diskrepanz zwischen dem Jammertal „Fachkräftemangel“ und dem Höhenflug „Digitalisierung / Industrie 4.0“. Mir scheint, als würde im Land der Ideen nach wie vor viel geredet, viel proklamiert, aber substanziell wenig getan. Aus meiner Warte kann ich sagen, dass wir im Rahmen von Employer Branding-Projekten regelmäßig Aspekte der Organisationsentwicklung thematisieren. Diese werden gehört, nicht aber behandelt. Der Schein steht also vor dem Sein im Fokus des Employer Brandings. Offenkundig wird es beim Ringen um finanzielle Resourcen. Wenn es ans Budget geht, feilschen Unternehmen bei Auftragsvolumina zwischen 40.000 und 50.000 Euro um bis zu zehn Prozent. 4.000 EURO also bei der Frage, wie man an Querdenker, Ideenträger und Innovationskräfte kommt. Irgendwer muss doch bei VW die 12,1 Mrd. Dollar in Ideen umsetzen. Wer, wenn nicht schlau und mutig angeworbene Mitarbeitende, denen man nicht nur im Recruiting sondern auch im Rahmen der Personalentwicklung im wahrsten Wortsinn wertschätzend begegnet. Liebe Unternehmer, eure Budgetverteilung bedarf dringend einer Reorganisation hin zu mehr finanziellem Spielraum für Personal- und damit Organisationsentwicklung. Dann blüht auch das Land der Ideen auf.

Oder wie sehen Sie das?

PS: Nicht umsonst schlagen wir beim nahenden DGFP Congress mit einem einstündigen Slot zum Thema Employer Standing auf. Der Initiative für mehr Standing und weniger Blending im Personalmarketing.

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