Hausaufgabe Karriere-Website

Jan im Büro, bei der Arbeit, an der Wand ein Bild Hausaufgabe vs Rocket Science

Jeden Mittag, wenn meine Tochter nach Hause kommt, läuft dasselbe Ritual ab: nach dem Mittagessen erst die Hausaufgaben, anschließend neues ausprobieren. Beim Spielen. Beim Sport. Beim Treffen mit Freundinnen. Warum ich das erzähle? Weil ich heute morgen in meiner Zwitscherzeitleiste auf eine Nachricht der Firma Profihost stieß:

Abbildung eines Tweets der Firma Profihost. Text: Kollege gesucht! Erreiche bei uns ganz unbürokratisch und ohne klassische Bewerbung deine Ziele. Details unter profihost-karriere.de

Zunächst einmal wird hier in Sachen Recruiting das richtige Fass aufgemacht. Denn wie schon Henrik Zaborowski sagte: Je schwieriger eine Vakanz zu besetzen ist, desto leichter sollte der Zugang sein. Wenn ich keine Mitarbeiter suche, sondern Mitstreiter, dann ist das kein leichtes Unterfangen. Dabei spielen kulturelle Passung, ein gemeinsames Verständnis von Arbeit und Unternehmenskultur sowie eine geteilte Begeisterung für die großen Ziele eine tragende Rolle. Formale Anschreiben, die den unzähligen Ratgebern Recht geben, die wiederum auf den alt hergebrachten Prozessen der ebenso formalen Rekrutierungsprozesse vergangener Jahrzehnte basieren, helfen hier nicht wirklich weiter. „Unbürokratisch“ und „ohne klassische Bewerbung“ gehen die Kolleginnen und Kollegen von Profihost ins Rennen. Und dazu gibt es im beigefügten Bild noch eine knackige Headline, die nicht nur textlich, sondern auch kulturell etwas hermacht.

Weiter geht es auf der Karrierewebsite, die den guten Eindruck fortsetzt. Dabei möchte ich explizit drauf hinweisen, dass wir hier nicht unsere Finger im Spiel hatten. Schade eigentlich, denn die Webiste hat mich wirklich begeistert 😉 Sie spiegelt genau das wider, an dem viele Unternehmen scheitern: Nämlich erst die Hausaufgaben zu machen, bevor man mit den Trends spielen geht.

These: Es wird zuviel probiert und zu wenig beendet.

Bevor ich mich mit Social Media, viralem Marketing oder virtuellen Realitäten auseinandersetze, sollte ich erst einmal meine Hausaufgaben machen. Die Webseite der Profihost Kollegen ist ein Paradebeispiel, und zwar nicht nur dafür, wie man mit einer entspannten Tonalität und einigen knackig aufbereiteten Inhalten den Leser abholt. Sondern auch dafür, welche Informationen von Interesse sind.

Der Leitsatz für die Kontaktanbahnung zwischen Arbeitgebern und Bewerbern sollte lauten: Sage mir, wer und wie du bist, und ich sage dir, ob ich dich interessant finde. Allzu häufig lese ich auf Karrierewebsites ellenlange Erklärungen über die vermeintliche Attraktivität eines Unternehmens als Arbeitgeber. Sie lesen sich gestellt, formal abgearbeitet oder im schlimmsten Falle anbiedernd, weil Studienergebnisse wieder einmal dazu geführt haben, dass man sich an einem Themenkatalog abarbeitet.

Ich stelle mir im Gegenzug eine Kontaktanzeige vor. Wer auf der Suche nach einem Partner ist, erzählt ich im Idealfall etwas über sich. Anstatt dem Anderen vermeintlich richtige Antworten auf vermutete Fragen vorzulegen. So funktioniert das nun mal bei der Frage, ob man zueinander passt. Und so auch bei der Partnersuche zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Jeder muss etwas von sich preisgeben. In diesem Zuge verlangen Unternehmen von Bewerbern recht viel, geben aber ungern etwas von sich preis.

Um nun zu zeigen, was das Team bei Profihost meiner Meinung nach sehr gut gelöst hat, gehen wir die Anwendung doch einfach mal durch. Damit einher geht auch mein

Appell: Erzählt mehr von euch und weniger für andere.

Nach dem positiven, leichten Einstieg über den Twitter-Post begrüßt mich die Website folgerichtig: sieht passend aus, fühlt sich passend an. Oder, wie Marketer sagen würden, im passenden Look & Feel.

profihost-start

Zwei Dinge fallen hier sehr positiv auf:

  1. Profihost bringt auf den Punkt, worauf es ihnen ankommt. Nämlich die Frage, womit ich meine Lebensarbeitszeit verbringen möchte.
  2. Von Beginn bieten mir die Kolleginnen und Kollegen mehrere Zugangswege an: von der klassischen Mail über den Facebook Messenger bis zu Whatsapp.

Während andere sich also den Mund fusselig darüber reden, wie man Kontakte zu den heiß begehrten Kandidaten herstellen und den Dialog intensivieren  kann und ob die „modernen Kommunikationskanäle“ nicht der dunklen Seite der Macht angehören, weil sie Tür und Tor für dieses und jenes öffnen, werden hier offenbar sehr bewusst bestimmte Kanäle gewählt und um- bzw. eingesetzt.

Ein Unternehmensprofil ist zum Profilieren da, nicht zum standardisieren.

Weiter geht’s mit einem echten Knaller. Endlich macht ein Unternehmen mal klar, wen es nicht sucht. Insbesondere im Bereich der Stellenanzeige empfehle ich stets, den Text zum Unternehmensprofil für das zu nutzen, wozu er gedacht ist: zur Profilierung. Ein Profil besteht bekanntlich aus Ecken und Kanten. Es geht darum, dem Bewerber eine Entscheidung zu ermöglichen. Entscheidungen fallen immer für etwas – und gegen etwas anderes. Also macht euren Lesern klar, wen ihr sucht – und wen nicht. Was ihr leistet – und was nicht. Genau das tun die Hannoveraner:

Screen der Profihost Karrierewebsite. Darauf kurze TExte zur Frage, wenn das Unternehmen nicht sucht. Und wen es stattdessen sucht. Echte Profilierung also.

Ohne ausuferndes Marketinggeblubbere, ohne Allüren, ohne Scham. Natürlich, was hier nicht gesucht wird, liest sich sehr verträglich. Das kratzt keineswegs am Unternehmensimage. Aber allein schon die Tatsache, diesen Punkt aufzunehmen und so zu formulieren, dass daraus ein positiver Rückschluss gezogen wird, ist lobenswert. Hausaufgaben gemacht – eins plus.

Dasselbe gilt dann direkt im Anschluss für die Frage, was das Unternehmen bietet. Und was nicht:

Screen der Profihost Karrierewebsite: Darauf abgebildet, was das Unternehmen seinen Mitarbeitern bietet, insbesondere drei fokussierte Themen.

Sehr gut an dieser Stelle:

  1. Die Fokussierung auf drei wesentliche Merkmale mit Verweis auf die „üblichen Jobfeatures“, die im Übrigen ausgesprochen üppig ausfallen, wie wir gleich sehen werden.
  2. Die Einbindung passender Hashtags, die somit die Tür für entsprechende Themensammlungen im Rahmen der Social Media Aktivitäten aufstoßen.

Auch hier herrschen positive Formulierungen vor. Prima – ein sympathisches Bekenntnis zur eigenen Kultur. Wer sie so plakativ zur Schau stellt, tut natürlich gut daran, die Verkaufsslogans oder Werbeversprechen auch einzulösen. Die weiteren Elemente der Website lassen daran zunächst auch keinen Zweifel aufkommen. Überprüfen kann es dann jeder Bewerber im persönlichen Gespräch. Das offenbar auch erwünscht ist.

Eine der wichtigsten Antworten: Worum geht es verdammt noch mal?

Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage, was das Unternehmen Profihost eigentlich will. Zwei Videos liefern die Antwort, überschrieben mit der Antwort:

Screen der Profihost Karrierewebsite, der zwei Videos abbildet zur Frage: Warum es uns gibt.

Da frage ich mich schon, warum es anderen Unternehmen so schwer fällt, auf diese Frage einzugehen. Sie ist zentral, weil wir Menschen nach übergeordneten Zielen suchen. Nach etwas, das unserem Wirken Sinn verleiht. Wer ausschließlich über den Joballtag redet, entfacht ein kleines Flämmchen der Begeisterung. Anhaltende Lust auf Leistung entsteht erst bei der gemeinsamen Arbeit an etwas Großem. Und genau diesem Aspekt wird hier auf ganz pragmatische Wiese Rechnung getragen. Denn viel hilft nicht immer viel. Wichtiger ist, es vernünftig zu machen.

Auch im Bereich Testimonials müssen es nicht Heerscharen von Mitarbeitenden sein, die jeweils ein zartes Sätzchen äußern.

Screen der Profihost Karrierewebsite, der Testimonials zeigt.

Einmal davon abgesehen, dass hier vielleicht Videos noch schönere Einblicke in die Welt der Kollegen geben würden – und auch eine Kollegin dem Ganzen gut zu Gesicht stünde – fallen hier vor allem zwei Dinge auf:

  1. Die direkte Verlinkung zu den Xing-Profilen der Zitatgeber und damit
  2. die Glaubwürdigkeit der Aussagen. Denn Rückfragen sind hier möglich.

Hinsichtlich des oft ausschlaggebenden Gefühls für den richtigen, den guten, also den richtig guten Job fahren die Kolleginnen und Kollegen dann noch eine Bildgalerie auf, die mittels Mouseover in den Alttexten Einblicke in das „Wie“ der Arbeit geben.

Screen der Profihost Karrierewebsite mit Fotos aus dem Arbeitsalltag.

Zusatzleistungen sollten keine Katalogware sein, sondern echter Mehrwert.

Kindergartenzuschuss – check. Gesundheitsvorsorge – klar. Getränke, W-Lan, Obst – geschenkt. Was mich bei all den Jobfeatures aber vor allem begeistert, sind ein paar Glanzpunkte, die mit einem klaren Committment zu den Mitarbeitenden zu tun haben. Und dabei auf den Satz verzichten, Mitarbeiter seien das wichtigste Gut.

Screen der Profihost Karrierewebsite mit den Jobfeatures.

Während meine Elterngeneration noch mit dem „Leben, um zu Arbeiten“ groß geworden ist, hat meine Generation mit Namen „X“ angefangen, zu Arbeiten, um zu leben. Und die heutigen Generationen sehen Leben und Arbeit im Einklang. Das Leben spielt dabei die zentrale Rolle, Arbeit hilft uns dabei, es zu verwirklichen. Und ist im Idealfall ein angenehmer Teil unseres Lebens.

In der Liste der Jobfeatures entdeckt der geneigte Bewerber nun einige Anhaltspunkte, die deutlich zu erkennen geben, wie ernst es dem Unternehmen mit diesem Verständnis von Arbeit ist:

  • Klare Ansagen zur Gehaltsentwicklung,
  • Aussagen zur Teamgröße, bzw. „Teamkleine“,
  • das Thema Life-Coaching oder
  • das Vorhandenseion von Labs zum Erhalt der Innovationsfähigkeit

um nur einige zu nennen.

Und am Ende kommt, was kommen muss: nach den Vakanzen der persönliche direkte Draht:

Screen der Profihost Karrierewebsite mit Jobs und Kontaktoption.

 

Aus meiner Perspektive macht das Team aus Hannover eine ganze Menge richtig, weshalb ich sie hier als gutes Beispiel so ausführlich zitiere. Denn im Grunde braucht es den von mir gerne zitierten gesunden Menschenverstand, um das herzustellen, was Menschen zusammen bringt: Begegnungsqualität. Diese Website

  • ist echt, weil sie zum einen über die gewählten Thematiken die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens dokumentiert, nämlich ein Umfeld zu schaffen, in dem Lust auf Leistung erwächst. Und weil sie darüber hinaus über die Dialogformen sowie die Xing-Verlinkungen Rückfragen zulässt.
  • ist lebendig, weil sie aufgrund ihrer Fokussierung Spaß macht, mit Bildern und Videoelementen arbeitet (könnten im Bereich Testimonials ausgebaut werden) und weil sie den Dialog ermöglicht.
  • ist persönlich, weil ich über Mail, Whatsapp und Facebook direkt Kontakt aufnehmen kann und weil ich mich eingeladen fühle, die Xing-Profile ausgewählter Mitarbeiter zu besuchen.

Wer die Hausaufgaben so gut macht, kann sich anschließend auch mit Trends oder anderem „Firlefanz“ auseinandersetzen. Eine Website, an der sich andere ein Beispiel nehmen sollten.

Oder wie sehen Sie das?

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